NAHER OSTEN

„Verrohung“: Kirche entsetzt von Aussagen eines israelischen Ministers

Anzeige

Äußerungen des israelischen rechtsextremen Ministers Ben-Gvir sorgen für Empörung. Auch bei der Kirche in Deutschland. Sie hat Forderungen.

Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland reagieren entsetzt auf Äußerungen des rechtsextremen israelischen Ministers Itamar Ben-Gvir zu gezielten Tötungen von Palästinensern.

„Die Forderung, täglich 30 bis 40 Personen im Gazastreifen zu töten, zeigt ein erschreckendes Ausmaß an Verrohung und Menschenverachtung, das niemandem gestattet ist und erst recht nicht einem Minister, dem die öffentliche Sicherheit anvertraut ist“, sagte am Freitag, 21. August, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Udo Markus Bentz, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Stetter-Karp: „Entmenschlichung politischer Debatten“

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, schaut mit Sorge „auf die fortschreitende Schwächung der internationalen Rechtsordnung“. Fassungslos machten eine zunehmende Gewalt und die Entmenschlichung politischer Debatten.

Der israelische Minister für nationale Sicherheit hatte sich für gezielte Tötungen von Palästinensern im Gazastreifen ausgesprochen. Man solle dort jede Nacht 30 bis 40 von ihnen töten. Außerdem hatte Ben-Gvir gesagt, es gebe im Gazastreifen Menschen, die es nicht verdienten, zu leben und die „nicht einmal Menschen“ seien. Weiter warb er für einen Bevölkerungsaustausch in dem Küstenstreifen. Seine Worte stoßen international auf Empörung. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland distanzierte sich von dem Minister.

Bentz: Widerspruch zu christlichem Menschenbild

Der Minister habe Gruppen in der Bevölkerung des Gazastreifens das Menschsein abgesprochen, sagte Erzbischof Bentz. Das widerspreche grundlegend nicht nur dem christlichen, sondern dem biblischen Menschenbild, das Christen und Juden miteinander verbinde.

Solche Äußerungen wie die von Ben-Gvir enthüllten den wahren Charakter des Rechtsextremismus, nicht nur in Israel: „Die Überzeugung, dass jeder Mensch über eine unantastbare Würde verfügt, ist hier gänzlich abwesend, zumindest hat sie anscheinend jede Relevanz in politischen und auch militärischen Auseinandersetzungen eingebüßt“, sagte der Bischof. Er betonte: „Es ist eine Sache, die Gewalt der Hamas zu bekämpfen, und eine andere, in einem solchen Kampf jeglichen moralischen Maßstab im Denken und Handeln zu verlieren.“

Lob für Bundesregierung

Die Rhetorik des Ministers und der dahinterstehende „Ungeist“ rückten jegliche Schritte zur Lösung der Konflikte im Nahen Osten in weite Ferne. Bentz bezeichnete es als befremdlich, dass die israelische Politik bisher schweige und „anscheinend nicht willens oder in der Lage ist, offensichtlich rechtsextreme Kräfte aus den Machtzentren zu entfernen“. Die internationale Isolation Israels wachse.

Der Erzbischof würdigte eine klare Positionierung der Bundesregierung in dieser Sache. „Es ist auch gut nachvollziehbar, wenn in der Europäischen Union über wirksame Sanktionen nachgedacht wird.“

Schutz religiöser Minderheiten

Stetter-Karp dagegen forderte, dass die Bundesregierung klarer Stellung beziehen müsse. „Wie wertegeleitet Außenpolitik aber wirklich ist, entscheidet sich dort, wo Freunde und Partner betroffen sind, vor allem dort, wo Freunde und Partner gemeinsame Grundlagen durch Wort und Tat untergraben.“ Nötig sei auch der Schutz religiöser Minderheiten im Heiligen Land, er müsse als Forderung ein fester Bestandteil deutscher Nahostpolitik sein.

„Die Bundesregierung muss jetzt insgesamt diejenigen Kräfte auf israelischer wie auf palästinensischer Seite forciert unterstützen, die sich für Dialog, Versöhnung und eine Zukunft in Freiheit und Sicherheit einsetzen“, forderte die ZdK-Präsidentin.

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.