„Für jeden abgewiesenen Flüchtling schämen“

Italiens Bischöfe kritisieren Abschottungspolitik der Regierung

Im Streit über den Umgang mit Migranten mehrt sich die Kritik der katholischen Kirche in Italien. Die Suche nach einer gesamteuropäischen Lösung rechtfertige nicht die derzeitige Abschottungspolitik der italienischen Regierung, sagte der Erzbischof von Florenz, Kardinal Giuseppe Betori, laut dem bischöflichen Pressedienst SIR (Montag). Zwar gebe es Grenzen der Aufnahme; Italien könne aber nicht von sich sagen, in einem „Zustand der Armut“ zu sein.

Gegenüber Aufnahmeländern wie dem Libanon müsse sich Italien „für auch nur einen einzigen abgewiesenen Flüchtling schämen“, sagte der Kardinal. Soziale Not unter italienischen Bürgern müsse Anlass sein, eine gerechtere Güterverteilung und das Armutsproblem insgesamt in Angriff zu nehmen. Weiter forderte Betori die Öffnung von humanitären Korridoren und konkrete entwicklungspolitische Maßnahmen in den Herkunftsländern der Migranten.

Christen dürfen Dramen nicht ignorieren

Unterdessen rief das Erzbistum Mailand Bürger und Politiker zur Verantwortung. Angesichts der Vorgänge im Mittelmeer könne niemand ruhig schlafen, hieß es in einem am Sonntag unterzeichneten Dokument von Erzbischof Mario Delpini und dem Pastoralrat. „Können Christen ruhig bleiben und die Dramen ignorieren, die sich unter ihren Augen abspielen?“, heißt es in der Erklärung. An die italienischen Politiker gewandt, verwahrte sich die Kirche gegen Entscheidungen auf der Basis von Slogans. Bürger hätten ein Recht auf „verständliche, ruhige, begründete Information“.