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Kerzen, Rosenkränze & Co. - wo gibt's das eigentlich noch? (4)

Jaspers Opferlichter aus Hopsten sind ein Dauerbrenner

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Fast jede Kerze in einer Kirche im Bistum Münster stammt von „Kerzen Jaspers aus Hopsten von 1864“. Der Traditionsbetrieb bietet 70 Menschen Arbeit, legt Wert auf Qualität und Innovation. Doch der Absatzmarkt wird zunehmend eine Herausforderung - weil auch immer mehr Kirchen schließen.

Das eingearbeitete „J“, geformt wie eine Kerze, begrüßt jeden Besucher per Handschlag. Die schlichten, buchgroßen Türöffner sind so ziemlich die einzigen Insignien, die sich die Jaspers in Hopsten erlauben.

Das mittelständische Unternehmen stellt seit 150 Jahren Kerzen in Hopsten her, im äußersten Zipfel des Kreises Steinfurt, an der Grenze zu Niedersachsen. Weite Felder umgeben die zwölf Hallen, in denen die Perfektion um das kleine Licht vom Kerzenboden bis zum Docht durchdacht ist.

Riesige Walze ist Stolz des Unternehmens

In der lichtdurchfluteten Halle 6 gibt das rhythmische „Klonk“ der Maschinen den Takt an. Kerzen in allen Farben und Formen werden bei Kerzen Jaspers in Hopsten produziert - auch im Sommer. Besonderer Stolz des Unternehmens ist eine riesige Walze, mit deren Hilfe die Zugkerzen hergestellt werden. Kilometerlange Dochte werden über den großen Zylinder immer wieder durch flüssiges Wachs gezogen und formen sich so zu langen Strängen. Diese werden abgetrennt und ergeben „eine klassisch-moderne Kerze, die sowohl im rustikalen wie auch elegantem Ambiente gut zur Geltung kommt“, wie es Matthias Martin formuliert. „Diese gehen nach Kopenhagen“, sagt er, nimmt ein Exemplar in stylischem braun-weiß-grauen Ecru-Ton vom Transportband und wiegt die schlanke Leuchte in der Hand.

Seit Anfang 2000 ist Matthias Martin im Unternehmen, heute leitet eine Dreier-Spitze in fünfter Generation bestehend aus Wilhelm Jaspers, Nicole Jaspers-Martin und Matthias Martin den Betrieb mit 70 Mitarbeitern.

Kerzen sind eine Wissenschaft für sich

Für die einen nur ein kleines Licht, ein schnell ausgepusteter Deko-Artikel, sind Kerzen bei den Jaspers eine Wissenschaft für sich. Vier Verfahren werden hier für die Produktion eingesetzt, vom Tauchen über das Ziehen bis zum Pressen. Bei dem richtigen Abbrennen der Kerze, ohne Ruß und Wachstropfen, spielen Windrichtung und der Dochtstand eine große Rolle, und so gibt es nicht nur für Kirchengemeinden eine Beratung für den richtigen Standort der fertigen Kerze inklusive.

Im Jahr 2014 konnte die Manufaktur ihr 150-jähriges Bestehen feiern: „Im Laufe der Zeit wurde schon so mancher Krise getrotzt. Wenn wir die Mitarbeiter nicht hätten, wären wir nicht so weit gekommen“, betont Martin.

Absatzmarkt in der Gastronomie weggebrochen

Kirchenschließungen und Austritte - vor dem Einsatz von Kerzen machen diese Veränderungen nicht halt – und dann kam auch noch die Pandemie. „Die Altarkerzen haben gelitten, etwa 25 Prozent weniger wurden verkauft, bei Kelchlichtern und Opferlichtern war das weniger dramatisch, aber die eigentliche Schwierigkeit war, dass wir nicht alles plantechnisch vorhersehen konnten“, sagt Martin.

Der Absatzmarkt sei in der Gastronomie mit dem Lockdown von Hotels und Restaurants größtenteils weggebrochen. Die ständig geänderten Reglungen stellten die Manufaktur vor große Herausforderungen: „Einige unserer über 5000 Artikel wurden von ,Rennern zu Pennern‘, andere boomten plötzlich“, sagt Matthias Martin und Nicole Jaspers-Martin ergänzt: „Der Wunsch nach Gemütlichkeit zuhause ist noch größer geworden.“ So kommt es mittlerweile auch vor, dass die großen Leuchten, die sonst an Altären ihren Platz hatten, im offenen Kamin bei Privatkunden und Hotels für ein schönes Ambiente sorgen.

Internationale Kunden möchten Ware haben

Momentan scharren die internationalen Kunden mit den Füßen und möchten Ware haben: „Aber jetzt gibt es Rohstoffengpässe.“ Brennmassen und Dochte haben auch ihre Lieferzeiten: „Da zahlt es sich aus, dass wir über Jahrzehnte ein vertrauensvolles Verhältnis haben. Wir haben nicht diese gravierenden Probleme. Wir suchen uns Partner in der Nähe und lavieren uns gerade ganz gut durch die momentane Situation“, sagt Matthias Martin.

Schon auf einer der ersten Rechnungen von 1868 steht geschrieben, worauf die Jaspers bis heute besonderen Wert legen: Qualität, Kundenbindung und Recycling: „Ich erbitte mir die leeren Kisten zurück“, schreibt Gründer Heinrich Jaspers da: „Das ist bis heute so geblieben“, sagt Matthias Martin mit einem Schmunzeln. Ausgefeilte Logistikrouten machen es möglich, dass die Fahrer, wenn sie Kerzen bundesweit ausliefern, zum Beispiel die kleinen Plastikbehälter der Opferlichter wieder mitnehmen. Sie werden in Hopsten in einer eigens entwickelten Maschine gereinigt und wieder neu befüllt.

Osterkerzen in Handarbeit

Für unter zehn Cent gibt es kleine Opferkerzen, bis zu 150 Euro werden für aufwändig verzierte Osterkerzen fällig. Diese stellen drei Mitarbeiterinnen in Handarbeit her. „Diese hier geht nach Werl“, sagt Matthias Martin und deutet auf eine große Kerze, auf deren Rumpf gerade eine dunkelblaue Wachsbordüre aufgebracht wird. Diese Millimeterarbeit mit Jahreszahlen und Namen „St. Hildegardisstift Hildesheim“ kann bis zu drei Stunden dauern. Getragen wird die Kerze aus Anlass einer Wallfahrt, die 2021 zum 367. Mal stattfindet.

Tradition als ein Standbein, stete Innovation nicht ausgeschlossen: Mit viel Raffinesse hat Wilhelm Jaspers ein Steckverfahren für Kerzenhalter entwickelt, die in der Floristik zum Einsatz kommen. Mit einer Dreistecker-Platte ist der feste Stand von Kerzen auf Kränzen garantiert, wie seine Verwandte Nicole Jaspers-Martin berichtet. Nicht immer werden die Produkte, die in Hopsten selbst entwickelt, getestet und geprüft werden, zum Verkaufsschlager: Zugkerzen in zwei Farben hätten bisher noch nicht so den Absatz gefunden.

Echte Kerzen für echte Gefühle

Am Ende des großen Parkplatzes, dort, wo auch mal die Dorfjugend mit ihren Skatebords parkt, lagern in einer großen, kühlen Halle Tonnen von Kerzen, die darauf warten, ins Ausland exportiert zu werden: „In Italien oder Polen haben Lichter zunehmend eine andere Bedeutung“, meint Matthias Martin nachdenklich. Dort kommen hauptsächlich Elektrolichter zum Einsatz. „Das kann ich mir nicht hinstellen“, sagt Nicole Jaspers-Martin. Sie habe Verständnis dafür, wenn solche batteriebetriebenen Kerzen an bestimmten Orten aus Sicherheitsgründen stehen müssten, „aber wenn ich mir eine Kerze anzünde, da geht mir das Herz auf.“ Und Matthias Martin ergänzt: „Echte Gefühle brauchen echte Kerzen.“

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