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Der Politiker hatte in seiner Rücktrittserklärung über eine unerbittliche Debatte geklagt. Dabei ließ er wichtige Dinge aus, sagt Louis Berger.
Wer das Rücktrittsschreiben von Jens Spahn liest, stößt auf eine Leerstelle: Von Einsicht oder gar Reue ist dort nicht die Rede. Stattdessen verweist der bisherige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf den „Spagat“ zwischen seiner Entscheidung für eine Leihmutterschaft und den Erwartungen an seine Person. Nicht zuletzt habe ihn die „zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung“ nachdenklich gemacht. So entsteht der Eindruck, als liege das eigentliche Problem im Ton der Debatte. Doch darum geht es nicht.
Schon die Äußerungen von Spahns Ehemann Daniel Funke – bezeichnenderweise verantwortet er die politische Kommunikation des Modeunternehmens Peek & Cloppenburg – zur Geburt des gemeinsamen Kindes in der „Bild“ zeigen, dass sich das Paar möglicher negativer Reaktionen bewusst war. Da ist von „Unsicherheit“ beim Thema Leihmutterschaft die Rede, von „manchem Vorurteil“.
Jedoch gehöre die Leihmutter inzwischen „quasi zur Familie“ und werde den Lebensweg von Sohn Georg weiter begleiten. Unerwähnt bleibt hingegen, dass die in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verbotene Leihmutterschaft kein Akt der Nächstenliebe ist, sondern ein Geschäft, das Kinder und Frauen erheblichen Risiken aussetzt.
Argumente aus Bibel und Kirche
Spahn, der über lange Jahre Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Kreis Borken war, hätte sich an das Buch Genesis erinnern können. Es schildert bereits die Gewalt, die mit einer Leihmutterschaft einhergehen kann. Sarai, die kinderlos ist, macht ihre ägyptische Sklavin Hagar dort zur Leihmutter für sich und ihren Ehemann Abram. Doch damit nicht genug: Als Hagar schwanger wird, erlaubt Abram seiner Frau, die junge Sklavin zu misshandeln. Nur Gott wird Hagar zur Zuflucht. „Du bist El-Roï – Gott schaut auf mich“ (Gen 16,13), sagt sie. Am Ende bringt sie Ismael zur Welt, Abrams erstgeborenen Sohn.
Auch deshalb hat die katholische Kirche Leihmutterschaft immer wieder verurteilt. Zuletzt zählte das Dikasterium für die Glaubenslehre sie 2024 in der Erklärung „Dignitas infinita“ („Unendliche Würde“) zu den „schweren Verstößen“ gegen die Menschenwürde. Leihmutterschaft mache das Kind zu einem „bloßen Objekt“ und die Frau zu einem „bloßen Mittel, das dem Profit oder dem willkürlichen Wunsch anderer unterworfen ist“. In ihr also erreicht die Kommerzialisierung menschlichen Lebens ihren Höhepunkt. Leben wird zum Vertragsgegenstand, zu einer Ware. In den USA, wo das Ehepaar Spahn-Funke fündig wurde, sollen die Kosten für das Prozedere mehr als 100.000 US-Dollar betragen. Ob sich unter den Bedingungen des Marktes noch uneingeschränkt von Freiwilligkeit sprechen lässt, ist umstritten.
Schattenseiten der Leihmutterschaft
Und wenn sich das Leben dieser Kommerzialisierung entzieht, wartet das Grauen. So wirbt zum Beispiel die Leihmutterschaftsagentur „Gestlife“, die Niederlassungen auf der ganzen Welt unterhält, mit einem „kostenlosen Neustart des Programms im Falle des Todes des Babys in den ersten zwei Lebensjahren“. Im „Falle des Organverlusts“ erhalte die Leihmutter 20.000 US-Dollar, ebenso ihre Familie „im Falle ihres Todes“. Bekannt sind auch Fälle, in denen Kinder mit Behinderung nach der Geburt bei ihrer Leihmutter zurückgelassen wurden. „Gestlife“ verspricht, solche Risiken durch „modernste Verfahren der assistierten Reproduktion“ zu minimieren.
Ausgewählt werden sollen Embryonen mit einem „geringeren Risiko für genetisch bedingte Krankheiten“ und einem „überdurchschnittlichen intellektuellen Potenzial“. Kunden werde so die exklusive Möglichkeit geboten, ein „Superbaby“ zu bekommen. Leihmutterschaft begünstigt damit ein Verständnis menschlichen Lebens, das sich an Perfektion und der Verwirklichung elterlicher Wünsche orientiert. Eine „liberale Eugenik“, wie der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas formulierte, rückt damit in greifbare Nähe. Mit dem Christentum, das Spahn wiederholt für sich in Anspruch nahm, lässt sich das kaum vereinbaren. Selbst dort, wo solche Selektionsverfahren nicht eingesetzt werden, droht menschliches Leben zum Mittel für die Wünsche anderer zu werden.
Positionsveränderung
Das hatte Spahn 2015 in einem inzwischen vielzitierten Gespräch mit dem Magazin „GQ“ noch im Blick. Er könne sich als schwuler Mann und Christ mit der „Idee eines gemieteten Mutterbauchs“ nur schwer anfreunden: „Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht.“
Offenbar konnte Spahn das nicht mehr. In einem Gespräch mit dem „Bild“-Journalisten Paul Ronzheimer nach Bekanntgabe der Geburt seines Sohnes sagte der Politiker: Als Christ wisse er, „dass das eine die reine Lehre ist und das andere das echte Leben. Und dass das manchmal kein Schwarz und Weiß hat und keine einfachen Entscheidungen“. Zwar kommt darin eine gut katholische Lebenshaltung zum Ausdruck: das „et et“, das „sowohl als auch“. Ihr droht aber die Beliebigkeit, wenn sie nicht dort ihre Grenze findet, wo die Würde anderer verletzt wird.
Doppelmoral bei Spahn und in der Union
Spahns Äußerung verweist darüber hinaus auf einen Widerspruch, der inzwischen die Politik der Union prägt. Bereits 2018 schrieb er in der Kulturzeitschrift „Kursbuch“, ein „religiös inspirierter oder kirchlich unterstützter Moralismus“ greife um sich. Gemeint war damals das kirchliche Engagement für Arme, Migranten und den Schutz der Schöpfung.
In vielen Fragen der Menschenwürde hat sich die Union bewusst von den Kirchen distanziert. Hinter ihrem „C“ verbirgt sich oft nur noch wenig. Dass die kirchlichen Berliner Vertreter Anne Gidion und Karl Jüsten im Januar 2025 aus der Union heftige Reaktionen erfuhren, nachdem sie das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz mit deutlichen Worten kritisiert hatten, ist dafür lediglich ein Beispiel. Der Vorwurf der Doppelmoral trifft deshalb nicht allein den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden Spahn, sondern die ganze Christdemokratie. Wer die Menschenwürde im Zusammenhang mit Leihmutterschaft verteidigen will, darf zu weiteren Verletzungen der Menschenwürde nicht schweigen.
Anfragen an die Kirche
Auf der anderen Seite muss sich die katholische Kirche kritische Fragen gefallen lassen. Wer in der politischen Öffentlichkeit von der unverletzlichen Würde spricht, darf Menschen nicht selbst zum Objekt machen. „Dignitas infinita“ zählt nicht ohne Grund auch sexualisierte Gewalt zu den „schweren Verstößen“ gegen die Menschenwürde. Sie hinterlasse „tiefe Narben im Herzen“ der Betroffenen. Deshalb stehe die Kirche „unermüdlich dafür ein, allen Arten von Missbrauch ein Ende zu setzen, und zwar beginnend im Inneren der Kirche“. Gerade daran hat es allzu oft gefehlt.
Auch sollte die Causa Spahn keinen Anlass bieten, immer noch weitverbreitete Ressentiments gegenüber queeren Lebensweisen zu bedienen. Wenn zum Beispiel der Passauer Bischof Stefan Oster mit Blick auf die Geburt des Kindes davon spricht, dass die Gemeinschaft von Mann und Frau „eine Art geistlicher Uterus“ sei, klingt diese wohl bei Thomas von Aquin geliehene Formulierung nicht nur etwas süßlich. Sie offenbart zugleich, dass in Kirche und Gesellschaft oft nur die biologischen als die eigentlichen Eltern gelten.
Heiliger Joseph als Beispiel
Womöglich hätte sich das Ehepaar Spahn-Funke gegen eine Leihmutterschaft entschieden, wenn das nicht der Fall wäre. Adoption, Pflege, Patenschaft oder die Verantwortung für Kinder anderer können ebenso Ausdruck von elterlicher Sorge sein. Das Christentum kennt dafür mit dem heiligen Joseph ein herausragendes Beispiel. Er ist bekanntlich nicht der biologische Vater Jesu.
Als Joseph von Marias Schwangerschaft erfährt, will er sich zunächst „in aller Stille“ von ihr trennen. Erst im Traum überzeugt ihn ein Engel, seine Vaterrolle anzunehmen und sich von der Vorstellung einer biologisch perfekten Familie zu lösen: „Fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist“ (Mt 1,20). Auch wir sollten uns nicht vor anderen Formen der Elternschaft fürchten.