Anzeige
In der kommenden Woche soll der Gesprächsprozess in Stuttgart bewertet werden. Wie der Berliner Ordensmann darüber denkt.
Der Jesuit Klaus Mertes zieht im Vorfeld der sechsten und letzten Synodalversammlung des Synodalen Wegs der katholischen Kirche in Deutschland eine differenzierte Bilanz. Auch wenn der Gesprächsprozess die selbst gesteckten Ziele verfehlt habe, lohne ein Blick auf seine positiven Auswirkungen, so der Berliner Ordensmann in einem Beitrag für das Onlinemagazin „Sinn und Gesellschaft“.
Der Synodale Weg gehe „mit seinen Ergebnissen in einen weltweiten Veränderungsprozess ein, in dem viele Tabus aufgebrochen wurden“. Besonders für die Präventionsarbeit stellt Mertes eine „fundamentale, befreiende Wirkung“ fest: „Der Geist, der aus der Flasche ist, wird nicht mehr in sie zurückkehren.“ Dazu habe der Synodale Weg beigetragen.
In diesem Zusammenhang verweist der Jesuit darauf, dass die MHG-Studie von „begünstigenden“ und nicht von „verursachenden“ Strukturen spreche. Dieser Unterschied bewahre vor Illusionen: „Missbrauch findet in jedem System Ritzen.“ Wer behaupte, dass sich sexualisierte Gewalt durch strukturelle Reformen verhindern lasse, haben den Unterschied nicht verstanden.
Zugleich verbiete sich eine kritische Neubewertung des Synodalen Wegs nicht, so Mertes: „Von Anfang an wurde zu wenig über Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und Reform kirchlicher Strukturen differenziert und reflektiert.“ Kritiker könnten deshalb jetzt leicht ein negatives Urteil über den Gesprächsprozess fällen.
Zur Person: Klaus Mertes
Die Aufdeckung des Missbrauchsskandals durch Geistliche in Deutschland nahm mit seiner Initiative ihren Anfang: 2010 war Pater Klaus Mertes Rektor des Canisius-Kollegs, eines Jesuiten-Gymnasiums in Berlin, als sich ihm drei frühere Schüler vertraulich offenbarten und berichteten, von zwei Lehrern des Ordens sexuell missbraucht worden zu sein. Mertes schrieb daraufhin einen Brief an die rund 600 Angehörigen der betroffenen Jahrgänge aus den 1970er und 1980er Jahren. Darin betonte der Jesuit, er wolle „dazu beitragen, dass das Schweigen gebrochen wird“.
2007 setzte der Jesuitenorden in der Nachfolge von Schwester Josefine Heyer CJ die Juristin Ursula Raue als externe Unabhängige Ansprechperson für Betroffene sexualisierter Gewalt durch Mitglieder des Jesuitenordens ein. Im Mai 2010 stellte sie in ihrem Untersuchungsbericht 255 Meldungen über Missbrauchsfälle fest, die besonders das Canisius-Kolleg in Berlin, aber auch andere Schulen des Ordens und Ordenshäuser betrafen. Zwölf Jesuitenpatres wurden demnach von mehreren Betroffenen genannt; 32 weitere Patres, weltliche Lehrer oder Erzieher von nur einem Betroffenen.
Das Jahr 2010 gilt durch die Veröffentlichung dieses Missbrauchsskandals als Wendejahr und sorgte für eine massive Erschütterung und für massiven Glaubwürdigkeitsverlust nicht zuletzt unter Katholikinnen und Katholiken. Die Deutsche Bischofskonferenz reagierte unter anderem mit der Ernennung des Trierer Bischofs Stephan Ackermann zum Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs und mit der Initiierung eines „Gesprächsprozesses“, der letztlich keine nennenswerten Ergebnisse brachte. 2018 kam die sogenannte MHG-Studie zu dem Schluss, dass es bei 1670 Klerikern Hinweise auf Beschuldigungen sexuellen Missbrauchs gab. 3677 Kinder und Jugendliche wurden als Opfer dieser Taten dokumentiert.
Klaus Mertes mahnte immer wieder eine schonungslose Aufklärung sowohl von Missbrauch als auch von dessen Vertuschung und eine selbstkritische Auseinandersetzung der Verantwortlichen in der katholischen Kirche mit den Missbrauch begünstigenden Faktoren an. Dazu gehört vor allem die Analyse systemischer Ursachen wie Männerbünde und Machtstrukturen, aber auch der Umgang mit Homosexualität und Frauen, allgemein die katholische Sexualmoral und ein überhöhtes Priesterbild.
2011 wechselte Mertes als Direktor des Kollegs St. Blasien in den Schwarzwald. 2020 verließ er den Schuldienst und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.
2021 wurde der Jesuit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für seinen Einsatz bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Eine explizit kirchliche Ehrung wurde ihm bislang nicht zuteil. | mn