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„Gutmensch“ ist ein Ehrentitel. Höchste Zeit, ihn zurückzugewinnen, meint der Priester und Friedensforscher Jochen Reidegeld.
„Sei gut, wenn Du kannst.“ Das sagt der Heilige Phillip Neri in dem Film „Himmel und Hölle“. Diese Worte kamen mir in den Sinn, als ich die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. gelesen habe. In einer Zeit, in der „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden ist, rehabilitiert der Papst den Begriff und die dahinterstehende Idee. Auffällig und wohltuend selbstverständlich spricht er in seiner Enzyklika vom Guten. Er spricht nicht nur von Technik, Politik und notwendiger Regulierung, sondern von der Frage woraufhin wir leben. Das Gute ist bei ihm keine fromme Verzierung, es ist ein Kompass.
Das Gute ist dabei eben nicht das Gegenteil von Realismus. Es ist eine Art, die Wirklichkeit zu gestalten, die dem Leben dient. Wir sehen gerade in der internationalen Politik, wie Zynismus, Machtpolitik und die Absolutsetzung eigener Interessen den Frieden zerstören und Hunderttausenden von Menschen Tod, Vertreibung und Unfrieden bringen. Wir erleben, wie politische Ideologien, die nur im „Wir“ und „Die da“ denken, auch in unsere Gesellschaft Spaltung und Hass bringen. Es ist an der Zeit, das Wort „Gutmensch“ zurückzugewinnen als Ehrentitel für Menschen, die sich nicht damit abfinden, dass Zynismus klüger erscheinen soll als Anstand.
Gegenentwurf zu zynischer Machtpolitik
Der Autor
Jochen Reidegeld ist Priester des Bistums Münster und Stellvertretender Leiter des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg.
Das Gute ist nicht harmlos. Es ist der Widerspruch gegen Zynismus, Menschenverachtung und eine Politik, die Macht mit Größe verwechselt. Ich erlebe, dass auch Menschen, die der Kirche nicht nahestehen, Papst Leo XIV. und seine Botschaft vom Guten und vom Frieden als einen Gegenentwurf zu dieser zynischen Machtpolitik erleben und ihnen dadurch Mut macht. Zu diesem Mut hat uns auch Bischof Heiner Wilmer in seiner Predigt zu seiner Amtseinführung eingeladen. „Seid nicht bange“: Wenn wir nicht bange sind und auf diesen geistlichen Schatz des Guten mehr zu vertrauen als auf die 10. Strukturreform und den 11. Pastoralplan, können wir als Christinnen und Christen den Herzmuskel der Demokratie stärken. Denn die Demokratie lebt vom Guten – von Haltungen wie Wahrhaftigkeit, Maß, Geduld, Respekt, Solidarität und Barmherzigkeit. Sie lebt davon, dass Menschen einander nicht auf Gegner, Fremde oder Kostenfaktoren reduzieren.
Eines aber ist es wichtig: Dass wir als Kirche nicht den Fehler der Vergangenheit wiederholen und das Gute als eine Wahrheit betrachten, die wir als Kirche besitzen und definieren. Und genau deshalb berührt mich zutiefst, dass der Weg unseren neuen Bischof am Abend vor der Bekanntgabe seiner Ernennung zuerst zum Grab der seligen Schwester Euthymia geführt hat. Sie zeigt, wie man Zeugnis vom Guten ablegt – durch den Dienst an Menschen, die andere nicht mehr als Menschen betrachten. Und mich ermutigt, dass der Bischof sich vor dem Antritt seines Dienstes in unserem Bistum entschieden hat, mit verschiedenen Gruppen zu pilgern und ins Gespräch zu kommen. Das Gute wird nicht top down definiert, sondern wird sichtbar im gemeinsamen Suchen, im gemeinsamen Beten und im Zuhören.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.