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Neue Leiterin der Fachstelle im Generalvikariat Münster

Judith Wüllhorst - eine Weltliebhaberin wird Weltkirchen-Expertin

  • Ein Generationenwechsel: Judith Wüllhorst hat mit 31 Jahren die Leitung der Fachstelle Weltkirche im Bistum Münster übernommen.
  • In vielen Projekten und auf vielen Reisen hat sie ihr Weltbild immer wieder relativiert.
  • Sie sieht die Weltkirche und jeden einzelnen Christen in der Pflicht, sich für eine globale Solidarität einzusetzen.
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In ihrem Büro hängte eine außergewöhnliche Weltkarte. Sie steht Kopf und die Proportionen der Kontinente und Länder sind ungewohnt verzerrt. Die südliche Hemisphäre erscheint dadurch viel größer als die nördliche. „Diese Darstellung ist hinsichtlich der Flächenverteilung weitaus realistischer“, sagt Judith Wüllhorst. „Sie relativiert unseren Blick auf Europa und Nordamerika als große Zentren der Erde.“

„Relativieren.“ Dieses Wort nutzt die neue Leiterin der Fachstelle Weltkirche im bischöflichen Generalvikariat in Münster oft. Es ist programmatisch, wenn sie vom ihrem Aufgabenfeld spricht. Die 31-Jährige wird künftig für das Bistum Münster die Kontakte zu den Partnern auf der ganzen Welt koordinieren. Sie wird Projektförderungen und Eine-Welt-Arbeit im Bistum organisieren, friedenspolitische Angebote unterstützen und die Arbeit mit den großen Hilfswerken abstimmen. Dabei ist sie sich einer Sache bewusst, sagt sie: „Wir werden unseren Blick auf die Länder im Süden immer wieder verändern müssen, aus jeder Begegnung neu lernen.“

Die gerechte Welt war immer ein Thema

Dass sie für sich die Welt so gedreht hat, hat eine persönliche Geschichte. Wenn sie von ihrer Kinder- und Jugendzeit erzählt, musste sie wohl zwangsläufig diese Einstellung finden. „Meine Großeltern und Eltern haben mir und meinen drei jüngeren Geschwistern immer gezeigt, wie privilegiert wir mit unseren Leben hier in Deutschland sind.“ Wüllhorst sagt, dass sie dadurch nie das Gefühl hatte, in einer „Wohlstands-Blase“ zu leben – ohne Interesse an dem, was an anderen Orten geschieht. „Die Situation der ganzen Welt spielte bei uns immer eine Rolle.“ In der Familie wurde der eigene Konsum angefragt, die Themen „Gerechtigkeit und Frieden“ war präsent.

Wenn sie zurückblickt, gefällt ihr ein Wort besonders. Es beschreibt ein Gefühl, das sie von daheim mit ins Leben bekam: Demut. „Die ist mega-wertvoll“, sagt Wüllhorst. „Weil darin viel steckt: Dankbarkeit für meine Situation, Wut über bestehende Verhältnisse und damit auch Mut und Energie für Veränderungen.“

Ein naiver Einstieg

Ihre Idee für diese Veränderungen war erst „ziemlich naiv“. Das sagt sie selbst: „Ich wollte als reiches Kind etwas für die Armen im Süden tun.“ Es war ihr kindlicher Blick auf die Situation in der Welt, durch den ihr Taschengeld nicht selten in den Spardosen der großen Hilfswerke landete. „In den Boxen aus Pappe, die man selbst zusammenfalten musste.“ Die Vorstellung dahinter: „Wir hier in Europa haben so viel, die im Süden so wenig.“  Spätestens aber mit ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) in Tansania direkt nach ihrem Abitur sollte sich diese Ansicht ändern.

Sie arbeitete damals in Sumbawanga, einer Kleinstadt im Südosten des Landes. Dort gab sie Englisch-Unterricht und half in einem Waisenhaus. Plötzlich passte ihr „stereotypes Bild“ von Afrika nicht mehr, sagt sie: „Ich habe schnell gemerkt, dass meine pauschalen Einschätzungen nicht griffen.“ Tansania und die Menschen dort eröffneten sich ihr völlig anders. „Es war mir fast peinlich, wie ich zuvor darauf geschaut hatte. Als könnte dieser riesige Kontinent mit den vielen unterschiedlichen Kulturen, Religion und Geschichten in ein einfaches Raster gezwängt werden!“

Besseres Mobilfunk-Netz als in Deutschland

Sie lernte damals nicht nur die einheimische Sprache Kisuaheli, sondern vor allem die große Vielfalt des ostafrikanischen Landes kennen. Dabei erlebte sie, dass die Struktur und Gesellschaft dort keinesfalls in allen Bereichen rückständig waren. „Sie hatten ein viel besseres Mobilfunk-Netz als wir in Deutschland“, erinnert sie sich und lacht über das einfache Beispiel. Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt, friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgemeinschaften – es gab viel mehr Momente, in denen sie „demütig“ erlebte, dass sie als Lernende nach Tansania gekommen war.

Und sie erfuhr bei allem Fremden, Neuen, „manchmal auch Beängstigenden“, wie wohltuend ihr Glaube in dieser Umgebung war. „Er war oft wie ein Anker, der Sicherheit gab, der mich mit den Menschen verband, eine gemeinsame Basis schuf.“ Sie spürte das besonders, wenn sie in Gottesdiensten so gut wie keinen Text von Gebeten und Liedern verstand. „Aber allein der Klang der Worte reichte, um zu fühlen, an welcher Stelle der Liturgie wir gerade waren.“ Es war ein Heimatgefühl – Heimat nicht daheim in ihrem Geburtsort Selm, sondern in der Weltkirche. „Wie oft ich herzlich empfangen wurde, weil ich zur gleichen Gebets- und Solidargemeinschaft gehörte!“

Tansania wurde zweites Zuhause

Diese Erfahrung hatte durchaus Anteil an ihrem Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren und ein Theologiestudium zu beginnen. Parallel studierte sie Soziwalwissenschaften. Nicht weniger lernte sie aber aus den vielen Auslandsaufenthalten, die folgten: Mexiko, Südafrika, die Dominikanischer Republik, Bolivien, ein Semester in Argentinien und immer wieder Afrika – allein nach Tansania kehrte sie acht Mal zurück. „Mein zweites Zuhause“, nennt Wüllhorst das Land mittlerweile.

„Ich bin zu einer echten Weltliebhaberin geworden“, sagt sie. Eine mit einem völlig anderen Blick als vor zwölf Jahren, als sie ihre „Weltreise“ begann. Mittlerweile zuckt sie zusammen, wenn jemand von der „Dritten Welt“ oder von „Entwicklungsländern“ spricht. „Ich nutze den Begriff ‚Globaler Süden‘.“ Allein darin zeigt sich, dass sie ihre Perspektive immer wieder verändert hat. Dass es für sie zwischen den Menschen auf der Welt nicht nur eine Richtung des Nehmens und Gebens gibt, sondern viele.

Kirche als „Global Player“ fordert alle

Wüllhorst will mit dieser Einstellung arbeiten, sie nicht für sich behalten. „Als Christin ist das meine absolute Pflicht“, sagt sie und verweist auf Entwicklungen in der Globalisierung, die das veraltete und überholte Rollenverständnis nicht nur festigen, sondern wieder verstärken. „Wenn es um Reichtum, Einfluss und Macht geht, greifen wieder die alten Mechanismen.“ Sie fordert deshalb entschieden, dem aus dem Glauben heraus etwas entgegenzusetzen. „Wenn es nicht die Weltkirche mit ihrem Menschenbild, mit ihrem Auftrag für Pluralität und Solidarität, tut – wer dann?“

Die Weltkirche als „Global Player“ ist in ihren Augen aber keine Instanz, an die der einzelne seine Verantwortung abgeben kann. „Da ist jeder gefordert, auch wenn für ihn nur kleine Schritte im Alltag möglich sind, von denen er oder sie meint, dass sie nicht viel bringen.“ Einen bewussten Konsum und der Einsatz für eine humane Gesellschaft zählt Wüllhorst dazu. „Wir sind nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig.“ Sie hat ein anderes Wort dafür: „Teilmächtig.“

Lobby für die Welt

„Vieles ist echte Lobby-Arbeit für die gemeinsame Welt“, sagt Judith Wüllhorst. Schon früh stieg sie als Honorarkraft und Referentin in die Arbeit der Fachstelle Weltkirche ein, gab Seminare und brachte sich in Projekte ein. Dass sie dies als Frau schon in so jungen Jahren in die Leitung der Fachstelle führte, ist ungewöhnlich. „In den Diözesen in Deutschland gibt es aktuell nur eine Frau in einer vergleichbaren Position, das Durchschnittsalter liegt eher bei 55“, weiß Wüllhorst. Bei „aller hervorragenden Arbeit“, die dort geleistet wird, ist es ihr auch wichtig, dass es einen Generationenwechsel gibt und mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen kommen. „Weil dadurch die Auseinandersetzung vielseitiger wird.“

Die Welt verändert sich stetig, sagt sie. „Derzeit aber unglaublich rasant.“ Die Auswirkungen der beschleunigten Globalisierung haben nicht zuletzt die Corona-Pandemie offenbart. „Wenn sich aber der Rahmen ändert, muss sich auch die Arbeit der Weltkirche ändern.“ Die Zeit klassischer Missionare gehe zu Ende, die Auswirkungen von Entwicklungen rund um den Globus seien direkt vor der Haustür zu spüren, die politischen Entwicklungen in Europa zeigten eine beängstigende Rückbesinnung auf „Nationalismen und eine neuen Abgrenzung gegenüber dem Globalen Süden“. Wüllhorst sieht sich schon deshalb am richtigen Ort für ihren Einsatz: „Ich bin mit diesen aktuellen Entwicklungen groß geworden und möchte meinen Teil zu einer gerechteren Welt, weniger Diskriminierung und mehr globaler Solidarität beitragen.“

Weiter am Weltbild drehen

Sie weiß aber auch, dass es diese Aufgabe in sich hat. „Etwas so zu belassen, wie es ist, ist immer leichter – etwas zu verändern, anstrengend.“ Sie selbst hat es aber nie als Last empfunden, die Welt für sich so auf den Kopf zu stellen, wie sie auf der Karte in ihrem Büro hängt. „Da haben immer die positiven Erlebnisse und Rückmeldungen überwogen.“ Wer hört, wie sie darüber berichtet, hat keinen Zweifel, dass sie mit ihrer Begeisterung auch andere anstecken wird, an ihrem Weltbild zu drehen.

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