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Scheidender Recklinghäuser Propst über Kirchenkrise, Maria 2.0, Priestermangel und die Chancen des Zeitgeists

Jürgen Quante: Warum ich als Priester den besten Job der Welt habe

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Er gilt als Priester klarer Worte und zeigt auch in strittigen Fragen Kante: Nach 13 Jahren als Propst in der Pfarrei St. Peter und als Kreisdechant im Kreisdekanat Recklinghausen wird Jürgen Quante in einigen Wochen in den Ruhestand gehen. Im Gespräch erklärt der 72-Jährige, warum er den „besten Job der Welt“ hat, warum er Großpfarreien und den Einsatz ausländischer Priester hierzulande für eine Notlösung hält, weshalb "Maria 2.0" der Kirche guttut und er die Kritik an Bischof Reinhard Lettmann wegen dessen fehlender Aufklärung von Missbrauchsfällen für scheinheilig hält.

Herr Quante, Sie sind seit 43 Jahren Priester und werden im Sommer in den Ruhestand gehen. Mit welchen Gedanken bereiten Sie Ihren Abschied in Recklinghausen vor?

Mit der Frage: Wie geht es in Recklinghausen nach meinem Abschied Anfang September weiter. Die kirchlichen Gremien hier und die Personalabteilung des Bistums werden eine gute Lösung finden. Es wird aber auch im nächsten Jahr die Frage geben: Wie geht es mit der Kirche weiter? Wie kann sich Kirche, auch in Recklinghausen, weiterentwickeln? Am 5. September werde ich verabschiedet; ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns dann wieder treffen können, die ein Jahr lang vergessenen Lieder singen, zusammenstehen und reden – und uns gemeinsam Gedanken machen, wie es weitergeht in dieser Pfarrei, in dieser Stadt. Ein inhaltliches Aufbruchssignal in Verbindung mit meiner Verabschiedung – das wäre gut.

Sie sind seit 13 Jahren Propst von St. Peter, der Stadtkirche in Recklinghausen und zuständig für 17.000 Katholiken an neun Kirchorten. Welches Pensum haben Sie in Recklinghausen leisten müssen?

All das, was jeder leitende Pfarrer zu leisten hat: Zusammenarbeit mit Kirchenvorstand und Pfarreirat, Absprachen mit dem Verwaltungsreferenten und dem Seelsorgeteam. Zu meinen Funktionen: Ich bin im Vorstand der Pastoralkonferenz für Recklinghausen - früher war das das Amt des Stadtdechanten - außerdem Kreisdechant und zuständig für die Bildungsarbeit und die Familienbildungsstätten für den ganzen Kreis Recklinghausen. Es gibt genug zu tun. Ich habe sicher keine Langeweile gehabt. Aber ich habe mich auch nicht überlastet gefühlt. Es macht mir bis heute Freude, den Dienst auszuüben. Das liegt auch an den vielen guten Mitarbeitenden und Mitwirkenden auf allen Ebenen.

Wie bewerten Sie die Konstruktion von „Großpfarreien“?

Wie überall: Die zum Teil mehrfachen Fusionen der Gemeinden haben viel Unruhe gebracht. Das Bistum hat auf eine Notsituation reagiert. Es gab wohl keine Alternativen, wenn man nicht neu über die Ämterfrage in der Kirche nachdenken wollte – oder konnte. Die Aufgabe ist, Gemeinden in den Großpfarreien lebendig zu halten.

1978 sind Sie geweiht worden, 2021 werden Sie kürzertreten und im Seelsorgeteam von St. Lamberti in Münster als „Emeritus“ mitarbeiten. Wie haben Sie den priesterlichen Dienst in all den Jahren empfunden?

Ich habe den schönsten Job der Welt. Das mag sich flapsig anhören, es ist aber so – für mich! Ich habe erleben dürfen, als Priester gebraucht zu werden. Dafür bin ich sehr dankbar. Als Kirchenmänner und -frauen haben wir inhaltlich etwas zu sagen: Wir können Gott zur Sprache bringen. Gibt es etwas Größeres, als von Gott zu reden?

Sie sind als Mann klarer Worte bekannt. Zuletzt haben Sie die Reforminitiative Maria 2.0 öffentlich unterstützt und den dort engagierten Frauen Mut zugesprochen. Welche Veränderungen in der Kirche wünschen Sie sich?

Ich brauche den Frauen keinen Mut zuzusprechen. Das können die selber. Ich kann mich als Priester solidarisch mit den Frauen erklären. Das habe ich getan, und das werde ich weiterhin tun. Zu Veränderungen in der Kirche: Es geht nicht darum, was ich mir wünsche. Es ist ständiger Auftrag der Kirche, auf das zu hören, was in unserer Zeit dran ist. Wir sollten positiv über den Zeitgeist nachdenken und ihn nicht für ein Werk des Teufels halten. Was haben die Zeichen der Zeit – das ist der biblische Ausdruck dafür! - uns zu sagen? Darüber nachzudenken, ist immer schon und in Gegenwart und Zukunft auch Auftrag der Kirche. Der Zeitgeist, so wie wir ihn verstehen, darf nicht diffamiert werden.

In den 1980er und 1990er Jahre waren Sie Leiter der Frauenseelsorge im Bistum Münster. Wie würden Sie heute Frauenseelsorge gestalten?

Frauenseelsorge war damals und ist es wohl heute auch noch: ein Lernfeld für Priester. Die Bibel mit anderen Augen zu lesen, Sprachsensibilität zu lernen, das haben wir in der reinen Klerikerkirche vernachlässigt, übersehen, überhört. Wir müssen sensibel sein für die patriarchalischen Reste - wenn es denn nur Reste wären. Das müssen wir uns von den Frauen in der Kirche sagen lassen. Priester dürfen das nicht als lästig empfinden.

Bundesweit bekannt wurden Sie durch Ihre Kritik am Einsatz ausländischer Priester als Antwort auf den Priestermangel in Deutschland. Wie sollte man den fehlenden Priesternachwuchs in Deutschland und damit auch im Bistum Münster ausgleichen?

Auf absehbare Zeit haben wir mit einem Priestermangel zu leben. Ich halte ausländische Priester als Ersatz nicht für gut, sowohl für die Priester anderer Herkunft als auch für die Priester hierzulande. Wir dürfen die kulturellen Unterschiede nicht schönreden. Ausländische Priester setzen das Bild der Priesterzentriertheit in unserer Kirche nur weiter fort. Der Priestermangel in unseren Breitengraden will uns vielleicht sagen: Denkt mal darüber nach: Wie priesterzentriert ist eure Kirche noch? Die ausländischen Priester verdecken das Problem, das wir haben. Das ist nicht ihre Schuld. Wir laden sie ein, um ein pastorales System zu stabilisieren, das so keine Zukunft hat.

Reformen in der Kirche hat vor wenigen Jahren das Stadtkonzil in Recklinghausen formuliert, das Sie maßgeblich auf den Weg gebracht haben. Was ist daraus geworden?

Die Propstkirche St. Peter in der Altstadt von Recklinghausen. | Foto: Johannes Bernard
Die Propstkirche St. Peter in der Altstadt von Recklinghausen. | Foto: Johannes Bernard

Die drei Pfarreien in der Stadt haben an den Beschlüssen des Stadtkonzils ihre Pastoralpläne orientiert.  Diese Pastoralpläne werden entsprechend den Bedürfnissen der Pfarreien und Gemeinden ortsspezifisch umgesetzt. Das Stadtkonzil hat ein Bewusstsein geschaffen: Katholische Christen in der Stadt formieren sich und artikulieren ein katholisches Selbstverständnis, wie Seelsorge und Jugendarbeit, Caritas und Verkündigung zeitgemäß betrieben werden können. Diskutiert wird bis heute, wie die Balance zwischen den örtlichen Gemeindeformen und den größeren Strukturen zu schaffen ist.

Ende der 1990er Jahre haben Sie als Pfarrer in Ahaus zusammen mit dem Pfarrgemeinderat deutlich gegen die Castortransporte und das atomare Brennelemente-Zwischenlager Stellung bezogen. Das kam bei einigen lokalen Politikern nicht gut an. Warum sollte Kirche in politischen Fragen unbequem sein?

Die kritischen Stellungnahmen des Pfarrgemeinderats in Ahaus haben Ärger verursacht, sie haben aber auch vielen gut getan. Jeder Mensch ist ein politischer Mensch. Wer sich nicht äußert, ist ein Verbündeter der herrschenden Meinung. Die Kirche hat sich nicht parteipolitisch zu engagieren, sich nicht parteipolitisch vereinnahmen zu lassen. Diese Gefahr ist nicht gering. Kirche hat nach wie vor die Chance, in der politischen Diskussion als unabhängig zu erscheinen. Wir sind kein Lobbyverband. Ich verdiene nichts daran, ob Atomenergie betrieben wird oder nicht. Wir denken und agieren auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Wir reden, wenn wir über die Bewahrung der Schöpfung reden, darüber, ob dass, was wir heute entscheiden, für die Welt von morgen verantwortbar ist. Zum Beispiel bei der Frage der Zwischen- oder Endlagerung von Atommüll. Die Kirche hat die Freiheit, sich dazu zu äußern, wie kaum jemand anderes in der Gesellschaft. Die Kirchen sind da freier als die Parteien und die Wirtschaft. Darum ist es ihre Aufgabe, sich politisch zu äußern, aktuell zum Beispiel bei der Sterbehilfe.

Sie wünschen sich nach Corona eine Aktion „Gemeinde trifft sich“. Wie sollten sich Gemeinden nach Corona neu finden?

Das weiß ich ja auch nicht so genau. Wir haben uns auf das Wesentliche zu besinnen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…“, „Vergesst die Armen nicht…“ – diese Essentials sind zu pflegen. Das Suchen und Fragen der Menschen ist ernst zu nehmen. Wenn Kirche dafür Raum gibt, dann tut sie, wofür sie angetreten ist.

Nach dem Aufdecken des Ausmaßes sexuellen Missbrauchs in der Kirche 2010 haben Sie sehr deutlich den Missbrauch kritisiert und Konsequenzen gefordert. Auch in Recklinghausen sind Fälle sexuellen Missbrauchs im Rahmen der Kirche bekannt geworden. Wie belastend sind diese Vorkommnisse für Sie als Seelsorger?

Sehr, weil es ein Thema ist, das uns nicht guttut. Wenn Missbrauch angesprochen wird, wird man als Priester sehr traurig, dass das in den eigenen Reihen passiert. Es ist erschreckend und: Es öffnet die Augen, weil es auch in den Generationen vor uns sexuellen Missbrauch gegeben hat, der aber nie besprochen wurde. Was wir gelernt haben, ist, den Opfern beizustehen und die Opfer zu ermutigen, sich zu äußern und zu ihrem Recht zu kommen. Wir müssen lernen, aus der Opferperspektive zu fühlen und zu denken. Wiedergutmachen kann man das alles nicht, man kann nur ehrlich und redlich mit dem Thema umgehen.

Historiker bereiten derzeit im Auftrag des Bistums Münster eine Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Diözese vor, die auch die Amtszeit von Bischof Reinhard Lettmann betrifft. Vorwürfe an Lettmann als „Vertuscher“ haben Sie öffentlich als „ahistorisch“ bezeichnet. Wie meinen Sie das?

Diese Worte sind in einem Gespräch mit einem Sexualwissenschaftler gefallen, der gesagt hat, vor 40 Jahren waren wir auch nicht so schlau wie heute. Es gab damals politische Parteien, die sich ganz anders zur Pädophilie geäußert haben als heute, vielleicht, weil man zu wenig geschaut hat, was sexueller Missbrauch mit den Opfern macht. Es hat Kulturen gegeben, in denen Pädophilie legal war. Wir lernen erst jetzt, von der Opferseite her zu denken. Unter den Bedingungen und mit dem Wissen von heute sich darüber zu empören, das empfinde ich als „ahistorisch“. Das haben wir doch auch in der Diskussion um den Nationalsozialismus schmerzlich erfahren müssen, dass wir Nachgeborenen manchmal leichtfertig geurteilt haben.

Was kann die Kirche aus dieser Krise lernen?

In einem seiner ersten Interviews als Papst sagte Franziskus auf die Frage, was er denn für ein Mensch sei, zögernd: Ich bin ein Sünder. Die alte Wahrheit, dass es die Sünde gibt, auch in der Kirche, dass wir sie nicht einfach mit Empörung aus der Welt schaffen, heißt auch, dass ich über niemanden den Stab zu brechen habe, heißt auch, dass wir redlich alles tun müssen, dass wir die Botschaft Jesu Christi nicht verdunkeln.

Zur Person
Jürgen Quante wurde 1948 in Münster geboren und empfing 1978 die Priesterweihe. Ab 1985 war er Diözesanpräses der Katholischen Frauengemeinschaften im Bistum Münster und leitete das Referat Frauenseelsorge in der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Generalvikariat in Münster. 1997 ging er als Pfarrer nach Ahaus und wechselte 2008 nach Recklinghausen.

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