WISSENSCHAFT

Theologin: Kirche blendet junge Erwachsene als Zielgruppe aus

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Theresa Krämer hat junge Erwachsene zu ihrem Verhältnis zum Glauben und zur Kirche befragt. Was sie dabei herausfand.

Trotz einer tiefgreifenden Kirchenkrise zeigen viele junge Erwachsene weiterhin Interesse an kirchlichen Angeboten. Das behauptet zumindest Theresa Krämer in ihrem aktuellen Buch, in dem sie die Glaubenswelten junger Menschen untersucht hat. 

Die zentrale Erkenntnis der Theologin: Die Kirche schenke der Gruppe der jungen Erwachsenen kaum Aufmerksamkeit. Oftmals funktioniere die Jugendarbeit noch sehr gut, aber danach sei vielerorts Schluss. Dementsprechend brauche die Institution eine neue, altersgemäße Ansprache gegenüber dieser Zielgruppe. 

Vorausgegangen war eine mehrjährige Forschung Krämers zu den Bedürfnissen junger Erwachsener während der Corona-Pandemie. Als Grundlage diente unter anderem ein Online-Fragebogen, wie sie 2020 gegenüber Kirche+Leben erklärte. An diesem nahmen mehr als 1.000 Personen teil.

Glaubensnahe Erwachsene verloren den Bezug 

Schnell wurde deutlich, dass junge, gläubige Menschen während der Pandemie vermehrt den Bezug zur Kirche verloren haben. Viele von ihnen hätten sich von ihrer Kirche alleingelassen gefühlt, so Krämer.

Das Buch zeige aber nicht nur Veränderungen während der Pandemie, sondern mache zum Teil auch auf kritische Entwicklungen aufmerksam, die es bereits zuvor gegeben habe, die aber in der Pandemie erst – wie unter einem Brennglas – sichtbar geworden seien. Doch das Buch solle nicht nur Missstände aufdecken, sondern auch Mut machen für neue seelsorgliche Wege und praktische Tipps geben. Es lohne sich, so Krämer, denn nur sieben Prozent der Befragten gaben an, sich komplett von der Kirche abgewandt zu haben.

Zunehmende Einsamkeit unter jungen Menschen

Nicht nur zu Corona-Zeiten war und ist die junge Generation mit Einsamkeit und Ratlosigkeit konfrontiert, sagt die Theologin. Hier liege eine Herausforderung, der sich die Kirche stellen müsse. Ihre Aufgabe sei, das Thema „Einsamkeit“ stärker zur Sprache zu bringen.

Gleichzeitig sei diese Generation wie kaum eine andere mit existentiellen Fragen und Sorgen konfrontiert. Das nehme den jungen Menschen das Gefühl, ihr Leben eigenständig planen zu können. Gepaart mit stetiger Überforderung durch ein Übermaß an Möglichkeiten, fühle sich diese Generation zunehmend antriebslos. Dabei sei dieses Alter eine entscheidende Glaubensphase. Verliere ein junger Mensch den Glaubensbezug, entstehe ein Bruch in der Glaubensbiografie und die Betroffenen würden sich womöglich von der Kirche distanzieren. Hier bräuchte es sinnstiftende Angebote der Kirche, so Krämer, die die Lebenssituation junger Erwachsener aufgreifen und Hoffnung und Orientierung bieten.

Digitalisierung kein Selbstläufer

Theresa Krämer, Jahrgang 1976, ist Diplom-Theologin und Pastoralreferentin. Sie hat den Arbeitsbereich „Junge Erwachsene“ beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Oldenburger Land aufgebaut und arbeitete als theologische Referentin beim BDKJ im Erzbistum Köln und den Freiwilligen Sozialen Diensten in der dortigen Diözese. Heute wirbt sie bundesweit in Vorträgen und Workshops für eine glaubwürdige „Junge-Erwachsenen-Pastoral“. | pd, jjo

Häufig wolle man junge Menschen durch digitale und interaktive Maßnahmen erreichen. Doch Digitalisierung sei kein Selbstläufer, so die Autorin. Ihre Forschung habe vielmehr gezeigt, dass gerade die jüngeren unter den jungen Erwachsenen sich vor allem Präsenzveranstaltungen von der Kirche wünschen.

Aber noch immer seien junge Erwachsene ein blinder Fleck in der pastoralen Arbeit.

Krise birgt Potenzial für Neuorientierung 

Um erfolgreich junge Erwachsene in die Kirche zu integrieren, müssten die Seelsorgenden sie als eigene Zielgruppe sehen. Entsprechende Angebote müssten sich mit ihren Themen deutlich vom Angebot für Jugendliche abgrenzen.

Mit geeigneten Projekten könne die Kirche der fehlende Anker für junge Erwachsene auf Sinnsuche sein. Jungen Menschen in Krisensituationen könne sie zu Widerstandskraft aus dem Glauben heraus verhelfen.

In gesellschaftlichen Krisen wie dieser stecke Potenzial für Neuorientierung. Theresa Krämer hofft darauf, dass sich die Kirche möglichst schnell ändere, um diese Generation nicht zu verlieren.

Buchhinweis
Theresa Krämer: „Kirche könnten wir gut gebrauchen. Was die Pandemie über den Glauben junger Erwachsener ans Licht gebracht hat“, 288 Seiten, 34 Euro, Echter-Verlag Würzburg 2025, ISBN 978-3-429-06769-4. Das Buch ist bequem bei unserem Partner Dialogversand bestellbar: Tel. 0251/4839-210, Mail: service(at)dialogversand.de

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