Der Zehnjährige war ein „absolutes Wunschkind“

Julian – ein Messdiener mit Down-Syndrom

Renate Saremba öffnet die Haustür. Oben auf der Treppe wartet schon Julian. Er ist aufgeregt, weil jemand von der Zeitung zu ihm kommt – und das auch noch an seinem Geburtstag. Im Wohnzimmer sitzt Julians Vater Ingolf. Der Fernseher läuft.

Auf dem Tisch liegen Geschenke. Nach und nach darf Julian sie öffnen. Der Zehnjährige ist ein aufgeweckter und offener Junge. Sofort geht er auf die Menschen zu, die er trifft – auch wenn er sie vorher noch nie gesehen hat. Er war extra beim Friseur, erzählt er und streicht sich über die kurzen, dunkelblonden Haare. Für seinen großen Tag hat er sich schick gemacht.

Eltern wussten schon vor der Geburt von Behinderung

Julian hat das Down-Syn­drom. Seine Eltern konnten lange keine Kinder bekommen. Mit Julian hat es dann geklappt. Er war ein absolutes Wunschkind, sagen Renate und Ingolf Saremba. Dass ihr Sohn mit einer Behinderung auf die Welt kommen könnte, wussten die Eltern schon vor der Geburt: „Wir hatten eine 50/50-Wahrscheinlichkeit. Da sind dann schon Tränen geflossen, aber jetzt muss ich sagen: Julian ist das Beste, was mir passiert ist“, erzählt Renate Saremba. „Er gibt so viel zurück: allein sein Lächeln. Er macht mir Komplimente und nennt mich seinen Goldschatz. Oder wenn er zu mir kommt und mich umarmt oder kuschelt.“

Julian mit seinen Eltern Renate und Ingolf Saremba. „Er war ein absolutes Wunschkind“, sagen die beiden. | Foto: Melanie Ploch
Julian mit seinen Eltern Renate und Ingolf Saremba. „Er war ein absolutes Wunschkind“, sagen die beiden. | Foto: Melanie Ploch

Julians Vater Ingolf arbeitet in der Verwaltung einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Tecklenburg. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit einer Behinderung dazugehören. „Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Das ist für uns ganz normal“, sagt er. Renate Saremba arbeitete als Krankenschwester, bevor Julian auf die Welt kam. Jetzt ist die 51-Jährige Hausfrau und hat einen Mini-Job im Pflegedienst.

Als Säugling Blutkrebs

Mit 18 Monaten hatte Julian Leukämie. Kinder mit Down-Syndrom haben eine mehrfach erhöhte Wahrscheinlichkeit, an der „akuten myeloischen Leu­kämie“ (AML), einer Sonderform von Blutkrebs, zu erkranken. Vier Monate war er häufig im Krankenhaus, heute weiß er nichts mehr davon. Zusätzlich hat er eine geringere Muskelspannung. Das Laufen hat er erst mit vier Jahren gelernt. Jetzt muss er Schienen für mehr Halt an den Füßen tragen. „Er ist ein Kämpfer“, sagt seine Mutter.

Der mittlerweile Zehnjährige besucht die fünfte Klasse einer Förderschule in Lengerich. Er geht gerne zum Unterricht: „Da kann ich draußen spielen und arbeiten“, erzählt er. „Damit meint er das Lernen“, erklärt Renate Saremba und lacht. Mathe mache ihm derzeit Spaß – und Musik, aber das sei schwankend. Und was sind Julians Hobbys? „Messedienen“, antwortet er, ohne zu zögern.

Ein Freund des Pfarrers

Bei jeder Antwort muss er grinsen. Irgendwann wird ihm die Fragerei aber doch zu viel. „Mama soll antworten“, sagt er. Dass er Messdiener wird, war für ihn und seine Eltern schon immer klar, erzählt Mama. Unterstützung erhielt er von Prälat Peter Kossen, dem Pfarrer der Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen in Lengerich, wo Julian Messdiener ist.

Die beiden verbindet mittlerweile eine kleine Freundschaft: „Julian und Pfarrer Kossen kennen sich durch die Erstkommunion. Vor Julians Beichtgespräch kam er zu ihm und hat mit ihm gespielt.“

Erdbeerkuchen und Fanta zum Geburtstag

Es klingelt an der Tür: Überraschungsbesuch für Julian. Leonie, eine Freundin aus der Schule, kommt mit ihrer Mutter und Schwester. Sie möchte Julian gratulieren und schenkt ihm ein buntes Kartenspiel, Wasserbomben und Süßigkeiten. Sie spielen auf dem Sofa und tauschen unterei­nander Panini-Bilder. Alles ganz normal. Gemeinsam mit den Gästen isst Familie Saremba Erdbeerkuchen und kleine Berliner. Auch Julians 93-jähriger Großvater, der im selben Haus wohnt, ist dabei.

Das schmeckt: Zum Geburtstag gibt es süße Leckereien. | Foto: Melanie Ploch
Das schmeckt: Zum Geburtstag gibt es süße Leckereien. | Foto: Melanie Ploch

Julian fühlt sich pudelwohl. Er nimmt einen Schluck Fanta und streckt seinen Arm über den Tisch, um sich noch einen Mini-Berliner zu nehmen. Um seinen Mund verteilt sich der Zucker des Gebäcks. Gesättigt darf Julian sein Geschenk öffnen: Es ist ein Roller. Er posiert lächelnd, als seine Mutter ein Foto von ihm und seinem neuen Gefährt mit ihrem Smartphone zur Erinnerung macht.

Die Pflicht ruft

Viel Zeit zum Fahren bleibt ihm nicht, bald muss er los. An seinem Geburtstag war es – selbstverständlich – Julians Wunsch, in der Messe zu dienen.

Wenig später betritt Julian die Sakristei. Nach und nach gratulieren ihm die anderen Messdienerinnen und Messdiener. Auch Prälat Kossen gehört zu den Gratulanten. Er erinnert sich noch gut an Julians Anfänge: „Er wollte unbedingt Messdiener werden und war sofort dabei. Das Ganze läuft unkompliziert. Es ist ideal, dass er ganz normal dabei sein kann. Julian weiß aber auch, dass er der Star ist.“ Und tatsächlich – der Zehnjährige witzelt in der Sakristei mit zwei Messdienerinnen rum. „Du kommst auch mit ins Ferienlager, oder?“, fragt eine der beiden. Sie unterhalten sich. Er genießt die Aufmerksamkeit.

Traumberuf? Priester!

Auch Renate Saremba weiß, dass Julian gerne im Mittelpunkt steht: „Wenn die Kinder spielen, integrieren sie Julian. Egal, ob Gleichaltrige oder Ältere, alle hören auf sein Kommando.“ Sie ist froh, dass ihr Sohn gut aufgenommen wird: „Er ist sehr beliebt. Wenn Julian dazu kommt, haben alle sofort ein Lachen im Gesicht. Er war schon immer mittendrin. Ablehnung haben wir nie erfahren.“

In der Sakristei streckt Julian sich, um sein Gewand aus dem Schrank zu holen. Er setzt sich zu den anderen Messdienern. Gleich beginnt dann aber die Messe, also los zur Aufstellung und rein in die Kirche. Die Messdiener setzen sich oben auf die Plätze. Julian schaut aufmerksam zu, als zwei von ihnen mit dem Weihrauch zu Prälat Kossen kommen.

Manchmal läuft auch etwas schief

Holen die anderen ihr Gotteslob raus, fängt auch er an zu blättern. Er schaut sich in der Kirche um, schlägt ein Bein über das andere und freut sich, als sich sein Blick mit dem seiner Eltern trifft. Die Sarembas sitzen weit vorne. An so einem Tag sind sie stolz.

Dann kommt das Evangelium: „Der Herr sei mit euch.“ Julian singt bei manchen Passagen im Gottesdienst gerne mal mit. Gestört fühlt sich dadurch niemand. „Er hat lange gesagt, dass er Pastor werden möchte“, sagt Renate Saremba, „Es hat ihm schon immer gefallen, wie der Priester das Brot verteilt. Außerdem singt er gerne.“

Die Gabenbereitung: Seine Aufgaben beim Messedienen kennt Julian. | Foto: Melanie Ploch
Die Gabenbereitung: Seine Aufgaben beim Messedienen kennt Julian. | Foto: Melanie Ploch

Während des Evangeliums setzt Julian sich hin. Ein kurzer, ermahnender Blick der älteren Messdienerin, und schon steht er wieder kerzengerade vor seinem Hocker. Beim Vaterunser ist Julian besonders gut zu hören. Das kann er auswendig. Beim letzten Wort geht er gerade am Mikrofon vorbei: „Amen!“ Es schallt durch die ganze Kirche. Manchmal streift Julian versehentlich mit dem Fuß die Klingel, aber auch das stört keinen. Wieso sollte er deswegen kein guter Messdiener sein?

Nach dem Messedienen gibt es Pizza

Zum Schluss des Gottesdienstes verkündet Prälat Kossen, dass Julian Geburtstag hat. „Viel Glück und viel Segen“, hallt es durch den Kirchenraum. Alle Gemeindemitglieder singen mit. „Julian, alles Gute“, ergänzt Kossen durch das Mikrofon. Die Messdiener ziehen wieder zurück in die Sakristei.

Heute hat Julian seinen Dienst wieder gut erfüllt. Er zieht sein Gewand aus und hängt es zurück in den Schrank. Draußen wartet schon seine Familie auf ihn. Gemeinsam geht es nach dem Gottesdienst zum Pizza-Essen – auch Prälat Kossen ist mit dabei, denn zehn wird man schließlich nur einmal.