Seit 1967 den Alltag von Eltern und ihren Kindern im Blick

Junge Gemeinschaft feiert Jubiläum: 50 Jahre Familienarbeit

Na, da hat sich ja einiges getan in den vergangenen 50 Jahren. Hieß ein Slogan in den Anfangsjahren der Jungen Gemeinschaft (JG) noch „Samstag gehört der Papa den Kindern“, hätte er heute einen ganz anderen Wortlaut. „Samstag gehört der Papa dem Papa“, könnte er lauten, sagt Sabine Düro. Sie ist seit etwa 25 Jahren Bildungs-Referentin des Verbands, ist also quasi zur Halbzeit in die Arbeit mit jungen Familien eingestiegen. Die 60-Jährige findet den Wechsel in der Zielrichtung nicht nur richtig, sondern auch wichtig: „Weil wir damit auf die sich immer wieder stark veränderten Voraussetzungen für Familien reagieren.“

Für die Samstagsbeschäftigung des Vaters liegen die Veränderungen auf der Hand. Am Anfang der 1970er Jahre galt noch das klassische Familienbild: Mama blieb zu Hause, kümmerte sich um die Kinder, während Papa den ganzen Tag seinem Beruf nachging. Kein Wunder, dass die Kinder wenigstens am Wochenende etwas Zeit mit ihm verbringen wollten.

„Zeit wird knapper“

Sabine Düro
Sei 25 Jahren mit der JG unterwegs:  Sabine Düro. | Foto: Michael Bönte

„Heute ist der Vater in der Familie oft viel präsenter“, sagt Düro. Im Wechsel mit seiner oft ebenfalls berufstätigen Frau ist er bei Programmpunkten im Alltag mit dabei. „Da passiert es nicht selten, dass er sich und die Beziehung zu seiner Frau vernachlässigt.“ Deshalb ist die Zeit, die er für sich hat, wichtig geworden. „Um bei aller Anforderungen nicht auf der Strecke zu bleiben.“ Der Samstag ist wie gemacht dafür.

Nicht die grundlegenden Fragen der Familien haben sich geändert, sagt Düro. „Es geht immer noch um Pubertät, Ausbildungsfragen oder Organisation des Alltags.“ Allerdings in einer völlig anderen gesellschaftlichen Kulisse als zu Anfangszeiten des Verbands. Das Familienleben heute ist stressiger geworden, weiß sie von den Gesprächen der vielen Treffen, Kurse und Freizeiten, die sie organisiert. „Die Programmpunkte werden mehr, die Zeit wird knapper, die Anforderungen an jedes Familienmitglied sind gewachsen.“ Viele wollen dabei das Bild der perfekten Familie halten. „In der Öffentlichkeit geben doch keine Eltern zu, dass es daheim überhaupt nicht funktioniert.“

Cocon-Effekt

Düro hat noch etwas festgestellt: „Es gibt einen Cocon-Effekt in vielen Familien.“ Sie meint die Tendenz, sich einzuigeln, alles erst einmal im kleinen Kreis innerhalb der eigenen vier Wände regeln zu wollen. Nach außen öffnet sich eine Familie mit ihren Sorgen nicht gern. Man will halt die Fassade wahren.

Wenn sie mit ihren Angeboten von Gesprächskreisen oder Wochenend-Freizeiten in die Pfarrgemeinden geht, erlebt Düro das. „Oft werde ich gefragt, welcher Raum für die regelmäßigen Treffen genutzt werden kann“, nennt sie ein Beispiel. Dann schlägt sie vor, die Treffen reihum zuhause zu machen. Denn dort sieht sie die Chance, die Familienwelt zu öffnen, sich Ideen von außen zu holen.

Ehrlich und menschlich

„Wenn nicht in der Kulisse des Alltags einer anderen Familie – wo dann?“ Dazu gehören für sie auch das unaufgeräumte Kinderzimmer oder die dreckigen Schuhe vor der Haustür. Eben nicht perfekt, sondern ehrlich und menschlich. Warum reicht die eigene Familie nicht als Ratgeber aus? „Weil ich mir von in ähnlichen Situationen steckenden Fremden lieber Tipps geben lasse als von meiner eigenen Mutter.“ Für die Antworten auf Familienfragen braucht es eine Öffnung, sagt Düro. „Ich muss mir Ideen von weiter her holen – auch um geerbte Probleme zu überwinden.“

Weitere Informationen:
www.jg-muenster.de

Genau da ist die JG zuhause. Sie will den Tellerrand der Familie überwinden. Mit den Themen, die gerade anliegen, mit spirituellen Angeboten mit praktischen Tipps. „Im Augenblick sehen die Freizeiten oft so aus, dass die Kinder betreut werden, damit sich die Partner endlich mal wieder gemeinsam über grundlegende Fragen Gedanken machen können.“

Ausgangspunkt ist die Lebenssituation

Aber was ist daran katholisch? „Die Familien, die zu uns kommen, haben einen christlichen Hintergrund“, sagt Düro. „Ausgangspunkt für unsere Angebote ist dann ihre Lebenswelt.“ Die Schnittmenge ist groß, der Glaube hilft auf der Suche nach Antworten. Auch wenn die JG manchmal Umwege gehen muss. Düro überlegt: „Na klar, die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen ist Thema bei uns.“ Trennung, Patchwork-Familien, Allein-Erziehende – genau das sind Lebenswelten. Die JG bringt sich in die Diskussion ein, will aber auch Tipps geben, wie Betroffene mit der Situation im Alltag umgehen können. „Ich rate immer, sich nicht in eine Sache zu verbeißen, sondern alternative Möglichkeiten der Spiritualität zu suchen.“

Sie selbst hat persönlich viele solcher Fragen gehabt, als sie in den Verband kam. Sie war 33 Jahre alt, hatte vier Kleinkinder. Damit gehörte sie exakt zur Zielgruppe. Düro erlebte, wie sich die Anforderungen an sie als Mutter, berufstätige Frau und Ehepartnerin veränderten. „Auch ich musste schlucken, wenn meine kleine Tochter nicht wollte, dass ich am Wochenende arbeiten musste.“ In der JG konnte sie erleben, dass eine solche Situation nicht die Ausnahme ist. Sie konnte sich Ratschläge holen, wie sie mit Freunden und Verwandten ein unterstützendes Netzwerk knüpfen konnte. Und sie konnte sich Freiräume schaffen, in denen sie mit anderen ihren Glauben leben konnte.

Ernte einfahren

Heute hat Düro die Zielgruppe längst verlassen. „Auch wenn man sein Leben lang Mutter bleibt.“ Die Fragen und Sorgen einer jungen Familie erlebt sie jetzt bei ihren eigenen Kindern. „Ich habe dabei das Glück, dass ich meine Enkelkinder einfach nur genießen kann.“ Sie hat vier, ein fünftes ist auf dem Weg. Sie lacht. „Ein wenig ist es, wie die Ernte meiner Familienzeit einzufahren.“

Die Idee kam aus der Christlichen Arbeiterjugend
Die Junge Gemeinschaft ist ein katholischer Familienverband, den es ausschließlich im Bistum Münster gibt. Die Idee zum Verband hatte die Christlichen Arbeiterjugend (CAJ), deren Mitglieder für ihre Zeit nach dem Jugendverband Gruppen suchten, in denen sie sich als junge Erwachsene wohlfühlten. Auch der gesellschaftliche Umbruch und die Ideen der zweiten Vatikanischen Konzils spielten bei dieser Idee eine Rolle. Nach und nach entwickelte sich die junge Familie als Zielgruppe heraus. Heute besitzt der Verband etwa 2000 Mitglieder, die vor allem in den Pfarrgemeinden organisiert sind.