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Beichte: Die Sehnsucht nach Vergebung braucht Zuspruch statt Scham

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Fehler zuzugeben, ist in Social Media kein Problem. Mitgefühl folgt in Kommentaren. Doch so einfach ist es nicht, meint Edda Reis in ihrem Kommentar.

Von Edda Reis

Es gibt eine Art der leisen Schuld, ein im zwischenmenschlichen Alltag subjektiv empfundene Grenzüberschreitung, die das eigene Selbstbild erschüttert und Beziehungen belastet. Während ein Fehler beim Bedienen einer Maschine sich technisch reparieren lässt, beruhen menschliche Beziehungen auf Freiheit und Gegenseitigkeit. 

Wer Vertrauen bricht, kann es nicht einseitig wiederherstellen und selbst wenn, bleibt oft eine Sehnsucht, die nach Vergebung verlangt, die über das alltägliche „Schon gut“ hinausweist. Eine Sehnsucht, wieder handlungsfähig, wieder frei zu werden, eine Art der Selbstvergebung.

Moralisches Tribunal

Diese Sehnsucht nach Vergebung beantwortet die katholische Kirche durch das Sakrament der Buße. Metánoia, biblisch als Umdenken zu verstehen, soll eine innere Bewegung hörbar machen: Ich bekenne meine Schuld, und während der Priester mich zwar losspricht, wird Gott selbst zum eigentlich Handelnden. Vergebung ist empfangene Gnade, die den freien, zur Sünde fähigen Menschen radikal ernst nimmt und doch immer wieder auffängt. Für viele Menschen wird Selbstvergebung erst möglich, wenn sie erfahren: Ich bin von Gott trotz meiner Schuld angenommen. 

Und doch: Was in der Theorie wie ein Befreiungsakt klingt, erleben in der Praxis viele als moralisches Tribunal, als formelhafter Ritus, der innerlich wenig bewegt. So wird die Beichte zum einseitigen Bekennen der intimsten Gedanken vor einem Priester, der als Repräsentant Gottes und weltliche Autoritätsperson ein doppeltes Machtgefälle in sich vereint. Statt Scham zu lösen, wird so das Bekenntnis zur Prüfung und die Lossprechung zu einer Formalie.

Scham wird banalisiert

Die Autorin:
Edda Reis (21) studiert Katholische Theologie, Philosophie und Religionswissenschaften an der Universität Münster.

Die moderne Selbstliebe sagt: „Ich bin gut, so wie ich bin – auch mit meinen Fehlern.“ Und kann damit in einem wichtigen ersten Schritt Scham nehmen und Schuld ernst nehmen. Doch sie kann auch dazu führen, dass Schuld als Fehler ins Selbstbild integriert statt bearbeitet wird. Das zeigt sich besonders in der Beichte im Story-Format: Auf Social Media werden Themen wie Beziehungsversagen öffentlich enttabuisiert. 

Man tritt in einen digitalen Resonanzraum, in eine Gemeinschaft von „Sündern unter Sündern“ - Likes werden zum Mitgefühl, Kommentare zum Lossprechungsritual. Dieses Aussprechen entlastet, weil es Scham verringert, doch auch banalisiert: Wo alles erzählbar wird, verliert Schuld ihr existenzielles Gewicht. Aus dem Ringen um Vergebung kann schnell eine Form der Selbstvermarktung werden. Und trotzdem zeigt sich darin ein tiefes Bedürfnis: Menschen wollen ihre Schuld nicht allein tragen, sondern über den zwischenmenschlichen Alltag hinaus hören, dass sie frei sind. Die Autorität dieser Vergebung übernimmt die digitale Masse.

Neue Formen der Beichte

Menschen wollen sich heute weder im Privaten noch in der Öffentlichkeit für ihr Handeln schämen. Deshalb sollte Beichte nicht auf Scham, sondern auf Beziehung setzten nicht nur los- , sondern auch zusprechen. Aus dem existenziellen Bedürfnis nach Vergebung nach einer im zwischenmenschlichen Alltag subjektiv empfundenen Grenzüberschreitungen ergeben sich und werden sich immer wieder neu verschiedene Formen der Beichte ergeben.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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