SOZIALES

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die Kirche im Spardilemma

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Wenn dem Staat Geld fehlt, kürzt er auch im Sozialen. Den Kirchen geht es kaum anders. Kann ihre Kritik an Sparplänen da noch glaubwürdig sein?

Von Edda Reis

Ob beim Bürgergeld, in den Freiwilligendiensten, in der humanitären Hilfe, bei Migration und Integration oder in Kitas, sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene, an vielen Stellen fehlt es an Geld. Dieser Zustand trifft vor allem ohnehin schon sozial und finanziell benachteiligte Menschen und paradoxerweise auch diejenigen, die ihnen helfen wollen. 

Besonders einschneidend wirken die Kürzungen bei sozial-caritativen Verbänden, da diese stark von öffentlichen Geldern abhängen, während kirchliche Eigenmittel gering sind. Kirchliche Akteure warnen angesichts dieser Entwicklungen vor den Folgen staatlicher Kürzungen, da gerade kirchliche Träger wie die Caritas einen erheblichen Teil unserer sozialen Arbeit organisieren und bei Kürzung Projekte einstellen oder Personal abbauen müssen. 

Kirchen im Spannungsfeld

Doch auch die Kirchen als Institutionen stehen unter Druck. Sinkende Mitgliederzahlen und ein absehbarer Rückgang der Kirchensteuereinnahmen zwingen auch sie zum Sparen. Die deutschen Bischöfe haben bereits Einsparungen in Millionenhöhe angekündigt. Welche Bereiche konkret betroffen sein werden, bleibt bislang offen. Klar ist jedoch schon jetzt: Auch kirchliche Angebote im sozialen Bereich könnten darunter leiden. 

Damit entsteht ein Spannungsfeld, in dem die Kirchen soziale Kürzungen kritisieren und zugleich selbst sparen müssen, in dem sie Anwältin der Schwachen sein wollen, aber Entscheidungen treffen, die in dieselbe Richtung weisen. Einerseits hat die Kirche keine Wahl, denn wenn Einnahmen sinken, müssen Ausgaben angepasst werden, das gilt für staatliche Haushalte ebenso wie für kirchliche. 

Wie glaubwürdig ist die Kirche?

Die Autorin
Edda Reis (21) studiert Katholische Theologie, Philosophie und Religionswissenschaften an der Universität Münster.

In diesem Sinn wäre es sogar konsequent, wenn die Kirche nicht nur Kritik übt, sondern auch die eigenen Grenzen anerkennt. Andererseits ist der moralische Anspruch, an dem die Kirchen gemessen werden und mit dem sich selbst messen, höher als der eines beliebigen Akteurs. Deshalb stellt sich mal wieder die Frage, wie glaubwürdig eine Kirche ist, die soziale Kürzungen kritisiert, während sie gleichzeitig im sozialen Bereich spart. 

Die Kirche will unabhängige Mahnerin sein, ist aber gleichzeitig Teil eines Systems, das von finanziellen Zwängen geprägt ist. Vielleicht gewinnt ihre kritische Stimme aber auch gerade durch diese Verstrickung im System an Gewicht und Legitimität. Denn wer selbst sparen muss und dennoch vor den Folgen von Kürzungen warnt, spricht nicht aus einer komfortablen Position heraus, sondern aus eigener Erfahrung. 

Transparenz und Konsequenz

Allerdings gilt das nur unter den Bedingungen der Transparenz und Konsequenz. Wenn die Kirche spart, muss sie offenlegen, wo und warum. Wenn sie kritisiert, muss sie zugleich zeigen, dass sie alles daransetzt, ihren eigenen Anspruch nicht leichtfertig aufzugeben. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Widerspruchsfreiheit, sondern durch den ernsthaften Umgang mit Widersprüchen. 

Die Glaubwürdigkeit der Kirchen hängt nicht daran, ob sie frei von Widersprüchen sind, sondern daran, ob sie ihren Auftrag trotzdem nicht aus den Augen verlieren. Denn für die Betroffenen macht es keinen Unterschied, ob Kürzungen staatlich oder kirchlich sind, sie spüren nur, dass Hilfe fehlt.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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