SOLIDARITÄT

Engagement braucht Räume, um zu wachsen

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Überall fehlen Ehrenamtliche, auch in der Kirche. Christina Bartholomé erklärt, auf welche Weise man dem abhelfen könnte. 

Vor kurzem habe ich ein Event mitorganisiert: Können wir an einem Tag 100 Kartons Kleidung für Menschen auf der Flucht sortieren und packen? Ich engagiere mich in einem Verein, in dem wir Kleiderspenden für Geflüchtete sammeln. 

Wir sortieren die Kleidung und schicken sie in Absprache mit Partnerorganisationen dorthin, wo sie besonders dringend gebraucht werden: an die europäischen Außengrenzen. Für uns ist dieses Ehrenamt mehr als eine logistische Aufgabe. Es ist ein Zeichen europäischer Solidarität und ein Protest gegen die unwürdigen Bedingungen, unter denen Menschen an den Grenzen leben müssen, für die wir politisch Mitverantwortung tragen.

Wie so viele Initiativen kämpfen auch wir mit einer schwindenden Zahl an Engagierten. Überall hören wir die gleichen Probleme: Nur noch wenige sind bereit, sich langfristig ehrenamtlich einzubringen. Am Wochenende ziehen die Leute es vor, zum Sport zu gehen oder entspannt Zuhause zu bleiben, statt zu uns in die Lagerhalle zu kommen und mit anzupacken. Und die Realität von Menschen auf der Flucht gerät sowieso mehr und mehr aus dem Blickfeld.

Niedrigschwellige Angebote

Die Autorin:
Christina Bartholomé studiert katholische Theologie in Würzburg und ist Stipendiatin des Instituts für publizistische Ausbildung.

Doch bei unserem Event passierte dann etwas, womit wir nicht gerechnet hatten und das in mir wieder Zuversicht für die Zukunft des Engagements entfacht hat. In den Tagen zuvor trudelten mehr und mehr Anmeldungen bei uns ein, bis am Ende etwa doppelt so viele Menschen bei uns waren als wir es uns auch nur optimistisch erhofft hätten.

Junge und alte Leute halfen mit, die Kartons zu packen, manche nur für zwei Stunden, manche den ganzen Nachmittag lang. Das Event war niedrigschwellig: Es gab keine große Einführung, keine komplizierten Strukturen und keine Verpflichtung, langfristig mitzumachen. Und doch fragten nach und nach viele der Helfenden, was wir sonst so machen und wie sie sich langfristig einbringen könnten.

Sehnsucht nach Engagement

Dieser Tag hat mir gezeigt: Die Sehnsucht nach sinnvollem Tun und Engagement ist da. Die Menschen wollen etwas machen, wenn man ihnen Raum gibt. Davon können sich auch kirchliche Orte inspirieren lassen. Es braucht nicht immer komplizierte Strukturen oder hauptamtliche Verantwortlichkeiten. Vielmehr braucht es Räume, in denen Menschen schnell tätig werden können, im gemeinsamen Tun Gemeinschaft erfahren und herzlich dafür empfangen werden. Das habe ich an diesem Tag erlebt. Ob die Menschen bleiben und sich länger engagieren werden, bleibt abzuwarten – aber ich habe da nun wieder Zuversicht.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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