MEINUNG

Wo bleiben Angebote für junge Erwachsene in den Gemeinden?

Anzeige

Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren - sie prägen das Gemeinde-Angebot. Bleibt eine große Lücke, meint Flora Hochschild.

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich ein Gemeindepraktikum im Rahmen meines Studiums absolviert. Dort gibt es neben einer inklusiven Spielgruppe für kleine und größere Kinder diverse Kochgruppen, eine Spielgruppe für junge Eltern und vieles mehr. Bei meinen Hospitationen wurde ich stets freundlich empfangen und habe dort viel über die Wirksamkeit eines funktionierenden Gemeindelebens gelernt, aber eine Sache war selbst dort auffällig: Es fehlten junge Erwachsene.

Es wäre unnötig polemisch und billig so zu tun, als ob das alleine die Schuld der Gemeinden wäre. Zwar gibt es Hochschul- und Studierendengemeinden, aber wer glaubt, dass diese ein adäquates Angebot darstellen, verkennt, dass Gemeindearbeit für junge Erwachsene auch außerhalb des Studiums sichtbar sein sollte, zumal sich das Leben dort meistens auf die Wohnheime verengt, was zusätzliche Hürden schafft. Aber auch in den Gemeinden, wo es diese Nachbarschaft nicht gibt, ist Arbeit für junge Erwachsene – sofern sie keine Kinder haben – Fehlanzeige (was queere junge Erwachsene noch einmal stärker betrifft).

Nicht nur ein Kirchen-Problem

Die Autorin
Flora Hochschild studierte in Berlin Geschichte, Deutsche Philologie und später evangelische Theologie. Mittlerweile promoviert sie in Christentumsgeschichte.

Dagegen mag man zwar einwenden, dass es a) durchaus Angebote gebe und b) man es ja auch selbst ändern könne. Beide Einwände sind nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Es ist korrekt, das kirchliche Angebot ist vielleicht besser als es die Präsenz junger Erwachsener manchmal suggeriert, aber viele Veranstaltungen sind mangels fester Termine und Wiederholbarkeit schlecht auf Gemeinschaft ausgelegt. So relevant und interessant Stand-Up-Abende und Podien sind – so schwierig ist das Socialisen dort, zumal man sich erfahrungsgemäß höchstens zufällig auf dem Kirchentag wieder trifft.

Und das ist nicht nur ein kirchliches Problem: Vereine, Parteien etc. kämpfen mit der Nachwuchsgewinnung junger Erwachsener. Und auch der zweite Einwand ist nicht unberechtigt, aber er verwechselt Folge und Ursache: Wenn gemeindliche Vergemeinschaftung für Erwachsene sich hauptsächlich in den Eltern- und Seniorengruppen abspielt, fehlen gleichaltrige Bezugspunkte, die wiederum das eigene Engagement erschweren.

Gleichzeitig könnten kirchliche Akteure deutlich mehr tun: Studierendengemeinden, Kirchengemeinden vor Ort und Jugendgruppen könnten sich besser vernetzen, sodass Junge Erwachsene, die vom Land in die Städte ziehen, leichter Anschluss finden. Andere Verbände wie der CVJM machen vor, wie es gehen kann. Die großen Ströme in die Gemeinden werden solche Maßnahmen sicher nicht auslösen, aber auch jeder Senfbaum hat mal klein angefangen.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.