GESELLSCHAFT

Lesen: Warum das „Wie“ einen Unterschied macht

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Häufig kommen wir nur noch zur hastigen Lektüre. Der Umgang mit Texten im Gottesdienst kann uns eine andere Haltung lehren, sagt Frederik Ohlenbusch.

Zu den schnellsten Leser*innen zählen sicher Krimifans. Kaum hat der Sommerurlaub begonnen, kann die von ihnen verschlungene Menge an Büchern in Regelmetern gemessen werden.

Ein kleiner Politkrimi spielte sich vor zwei Wochen im politischen Berlin ab. Er hatte glücklicherweise wenig mit Mord und Todschlag zu tun, dafür aber umso mehr mit schnellem Lesen. Kurz vor der Sommerpause brachte die Bundesregierung ihre umfassende Gesundheitsreform zur Abstimmung in den Bundestag ein. Am Mittwoch, 8. Juli, also nur zwei Tage vor dem Showdown am Freitag, 10. Juli, kam es dabei zu einem durchaus fragwürdigen Manöver.

Zweifelhafte Vorteile der KI

Der Autor
Frederik Ohlenbusch ist evangelischer Theologe aus dem Ammerland. Er lebt und forscht in Berlin.

Etwa 270 Seiten Änderungsanträge wurden dem Gesundheitsausschuss kurzfristig zur Kenntnisnahme vorgelegt. Wer bis ins Detail verstehen wollte, worüber zwei Tage später abgestimmt werden sollte, hätte diese trockenen Gesetzestexte beinahe so schnell lesen müssen wie einen Krimi von Klaus-Peter Wolf oder Agatha Christie. Teile der Opposition zogen deshalb im Eilverfahren vor das Bundesverfassungsgericht. Sie scheiterten. Das Gesetzespaket wurde noch vor der Sommerpause verabschiedet.

Dieses schnelle, allzu hastige Lesen ist ein Problem der Gegenwart. Die schiere Menge an Texten verleitet nicht zuletzt wegen der zweifelhaften Vorteile generativer KI-Modelle dazu, sie nur noch zu überfliegen.

Beispiel Kirche

In Gottesdiensten und Messen halten wir es anders. Die Psalmengebete und Lesungen laden dazu ein, sich auf wenige, aber gehaltvolle Worte einzulassen. Die Gemeinde nimmt sich Zeit, einigen Dutzend Wörtern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Sich etwas von einem Mitmenschen vorlesen zu lassen, ist zu einem seltenen Luxus geworden. Und die Predigt eröffnet den Raum, tiefer in die Gedankenwelt dieser Texte einzutauchen.

Diese gemeinsame Erfahrung einer intensiven und nachhaltigen Lektüre, die Christ*innen ohne Zweifel mit Anhänger*innen anderer Religionen teilen, kann in Zeiten von Textflut und Überangebot Orientierung schaffen. Nicht nur das „Wie viel“, sondern vor allem das „Wie“ des Lesens macht den Unterschied. Während hastiges Überfliegen oft dazu führt, kaum mehr zu wissen als vorher, kann aufmerksames Lesen unseren Blick auf die Welt verändern.

Für den Rest des Sommers und für die Ferien, die in dieser Woche begonnen haben, wünsche ich Ihnen intensive und entschleunigte Lektüre – allein im Sonnenschein oder vielleicht auch in einer kühlen Kirche.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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