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Vielen Menschen gilt die Mystik als bessere Spiritualität. Flora Hochschild weist darauf hin, dass man es sich nicht so einfach machen sollte.
Selbst wer im Internet nur wenig Zeit auf Blogs, in theologieaffinen Communities oder auch auf den Seiten von Influencer*innen verbringt, wird mit Mystik konfrontiert. Sie wird in diesem Kontext gerne als historischer sowie gegenwärtiger Raum für queere Perspektiven, als Inspiration und/oder als spirituelle Befreiung von den als zu eng empfundenen dogmatischen Stricken der Kirchen präsentiert.
Ihre radikale Innerlichkeit und ihre Bereitschaft, gesellschaftliche Konventionen zu unterlaufen oder gleich zu ignorieren, machten sie immer wieder zu einem Bezugspunkt von Befreiungshoffnungen und -erzählungen. Dass diese Freiheitserzählung das komplexe Geflecht vor- und nachreformatorischer Mystik zwischen Orthodoxie, Emotionen, Intellektualität, Gelehrsamkeit und sinnlicher Erfahrbarkeit tendenziell unterschätzt, mag den Texten Unrecht tun, ist aber nicht das eigentliche Problem dieser Vermittlung.
Spiritualität, Erotik, Macht
Die Autorin
Flora Hochschild studierte in Berlin Geschichte, Deutsche Philologie und später evangelische Theologie. Mittlerweile promoviert sie in Christentumsgeschichte.
Denn die Freiheitserzählung der Mystik wird da problematisch, wo sie das Zerrbild vermittelt, Mystik sei ein (macht-/gewalt-)freier Raum der eigenen Innerlichkeit. Ein solcher war sie jedoch nie. Die Theologin Hildegund Keul hat in einem lesenswerten Beitrag über Mystik, Macht und Gewalt anlässlich des 100. Geburtstags des Jesuiten Michel de Certeau diesen oft übersehenen Konnex auf den Punkt gebracht: „Der neuralgische Punkt der Mystik ist die innere Verbindung von Spiritualität, Erotik und Macht.“
Wo Macht, Erotik und Spiritualität aufeinanderprallen, ist auch ihr Missbrauch nicht fern. Diese „dunkle Seite“ voller Missbrauch und Machtasymmetrien findet sich reichlich in den Quellentexten. Sie erzählen von Ekstase und Selbstverletzungen, von Gewalt und auch von spirituellem sowie sexuellem Missbrauch.
Sollte man also von der Mystik lassen? Nein, aber man sollte sie ernst nehmen, indem man sie nicht als die bessere, als die freie Spiritualität liest – sondern als einen Raum, in dem Euphorie und Verzweiflung, Freude und Qual, Freiheit und Macht schmerzhaft nahe beieinanderliegen. Das erfordert jedoch eine historische und kritische Auseinandersetzung mit den Visionen, Predigten, Meditationen et cetera und ihren Entstehungsbedingungen. Im besten Fall ermöglicht sie eine differenzierte und ehrlichere Auseinandersetzung über Spiritualität, über Freiheit und über unsere Grenzen. Nehmen wir die Mystik ernst.
„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.