MEINUNG

Religiöse Identität in Jerusalem: Ein Vorbild für Deutschland?

In Israel gehört Religion zum Alltag dazu – ganz anders als in Deutschland. Ein Modell für uns, fragt der Theologiestudent Noah Walczuch.

In den Straßen Jerusalems zeigt sich religiöse Identität überall: Kippa auf dem Kopf, das Rufen des Muezzins fünfmal am Tag und vor dem Nahostkrieg christliche Pilgergruppen in der ganzen Stadt. Hier ist Religion mehr als eine private Angelegenheit. Sie ist Identität, Alltag und: manchmal auch Überlebensstrategie. In Deutschland hingegen erscheint Religion oft wie ein Luxusartikel – etwas, das man sich leisten kann, aber nicht muss. 33 Prozent der Menschen in Deutschland bezeichnen sich in keiner Weise als religiös.

In Jerusalem, wo Glaube, Kultur und Politik untrennbar miteinander verwoben sind, wird deutlich: Religion kann zur Trennlinie werden, sie kann instrumentalisiert werden. Religiöser Extremismus stellt sich über andere Vorstellungen und Menschen. Von den schrecklichen Konsequenzen und dem scheinbar unlösbaren Konflikt nicht zu sprechen. Und dennoch gibt es eine andere Seite: Religion steht mitten im Leben, sie wird hier öffentlich gelebt, nicht versteckt, die religiöse Dimension des Menschseins nicht ausgeklammert. Auf diese Weise offenbart sich die Pluralität der Stadt, ihrer Geschichte und ihrer Bewohner. Die Suche nach dem Schönen, Wahren und Guten wird gesellschaftsübergreifend vollzogen.

Glaube nur noch als Option?

Der Autor:
Noah Walczuch studiert seit 2022 Theologie und bereitet sich in Regensburg auf das Priesteramt vor. Derzeit nimmt er am Theologischen Studienjahr teil, das ihn nach Jerusalem und Rom führt. Neben dem Studium engagiert er sich im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) im Sachbereich „Theologie, Pastoral und Ökumene“.

In Deutschland haben wir uns zunehmend an eine Gesellschaft gewöhnt, in der Religion privatisiert und marginalisiert wird. Glaube wird oft als nebensächlich betrachtet, als etwas, das in die eigenen vier Wände gehört. Auch dies offenbart zwei Seiten: Ein Diskurs, der religiöse Fragen ausklammert, kann einen neutralen Raum schaffen, in dem unterschiedliche Weltanschauungen koexistieren.

Und dennoch: Wenn Glaube nur noch als Option oder sogar als Hindernis im Dialog gesehen wird, leidet das gegenseitige Verständnis. In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren führt dies ebenso wie bei religiösem Extremismus in Israel und Palästina zu einem Verlust von Dialog, gegenseitigem Verständnis und letztlich zu einer gesellschaftlichen Spaltung. Die zunehmende Polarisierung und Intoleranz verdeutlichen dies.

Religiöse Identität als Fundament begreifen

Vielleicht zeigt der Blick nach Jerusalem, dass Religion zum Wesen des Menschen gehört. Doch dieser Blick mahnt auch: Religion muss selbst zu ihrem Wesen finden. Versöhnung statt Ausgrenzung, Begegnung statt Abgrenzung – auch wenn die Versuchung groß ist, die eigene religiöse Identität durch die Abwertung anderer zu stärken. Dann kann eine Gesellschaft, die Glauben als Lebensressource begreift, Raum schaffen für echte Begegnung und Brücken bauen zwischen Kulturen und Generationen. Dann muss religiöse Identität kein Luxus mehr sein – sie kann ein Fundament sein, das eine fragmentierte Welt im Inneren zusammenhält.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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