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Über den 105. Erzbischof von Canterbury

Justin Welby predigt zum Abschied von Queen Elizabeth II. - so tickt er

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Den Erzbischof von Canterbury kennt man aus Historienfilmen – als zumeist eitlen Potentaten, der mit den Mächtigen kungelt und über Steuern, Krieg und Frieden mitentscheidet. Hier kommt einer, der so ziemlich anders ist.

Am Montag hält Justin Welby, 105. Erzbischof von Canterbury und Ehrenoberhaupt von 77 bis 85 Millionen anglikanischen Christen weltweit, in der Westminster Abbey die Predigt zum Abschied von Königin Elizabeth II. Wer ist dieser Geistliche, auf den in diesem Moment die ganze Welt schauen wird?

Seine Gewänder und seine Mitra wirken manchmal ein bisschen zu groß – und seine Bewerbung als Kirchenoberhaupt, so verriet er beim Amtsantritt 2013, sei „eher ein Scherz“ gewesen. Doch Justin Welby zeigt sein Format, wenn er spricht. Denn der 66-jährige Primas der anglikanischen Staatskirche von England hat viel Erfahrung. Nicht als Bischof – das ist er erst seit 2011. Aber Lebenserfahrung.

Welby ist Quereinsteiger

Welby ist ein spannender Typ, ein Quereinsteiger. Der Jurist, Öl-Manager und Familienvater wurde erst 1993 zum Priester geweiht. Der frühere Finanzexperte des Konzerns „Elf Aquitaine“ steht für Realitätssinn, rasche Auffassungsgabe und Weltläufigkeit. Die Berufsausbildung makellos: Schulabschluss in Eton; Jura und Geschichte in Cambridge und Dublin; Managerposten in Paris und London zur Finanzierung von Ölförderprojekten in Nigeria.

Der Unfalltod seiner kleinen Tochter, einem seiner sechs Kinder, brachte ihn Gott näher. 1989 die radikale Umorientierung: Theologiestudium, Priester und Dekan der Kathedrale von Liverpool. Welbys Karriere als Seelsorger weist auch Stationen in sozialen Brennpunkten auf. Bis heute schätzt man dort sein gewinnendes Wesen, seine Freundlichkeit und Überzeugungskraft.

Welby bietet Managern „Kloster auf Zeit“

Welbys einstige Managerkarriere bedeutet keine ideologische Nähe zum Finanzsektor; im Gegenteil. Im britischen Oberhaus sitzt er im Ausschuss für Bankenaufsicht. Eine Kappung von Banker-Boni lehnt er ab: Solche Rasenmähermethoden wisse die Branche mit Sicherheit zu umgehen. Stattdessen richtete er in seinem Londoner Amtssitz ein „Kloster auf Zeit“ für angehende Finanzmanager ein. Diese Art von Gemeinschaft solle ihnen Gelegenheit geben, Ethik und Philosophie zu studieren, zu beten und zu arbeiten, gründlich über die eigene Person und Motivation nachzudenken.

Solch anpackendes Denken schützt freilich auch ein Kirchenoberhaupt nicht vor Zweifeln an Gott. Die äußerte Welby 2015 nach den islamistischen Anschlägen von Paris – und begründete auch das autobiografisch: Gerade dort hätten er und seine Frau Caroline ihre glücklichste Zeit erlebt.

Welbys Kampf gegen Depressionen

Landläufig sind viele Menschen immer noch der Meinung, Führungspersonen dürften nie Schwäche zeigen oder Verletzungen einräumen. Welby macht es anders, und zwar konsequent. Depressionen, Kuckuckskind und eine Disposition für Alkoholismus: Welcher Prominente würde diese ganze Packung veröffentlichen? 2019 sprach der Primas zum Welttag der seelischen Gesundheit offen über seinen Kampf gegen Depressionen. Er habe 2018 erkannt, dass er Hilfe brauche – auch wenn das nicht einfach gewesen sei.

Und das war keineswegs Welbys einzige Transparenzoffensive. Mit reifen 60 Jahren erfuhr er 2016 durch einen DNA-Test, dass er der uneheliche Sohn eines Privatsekretärs von Ex-Premier Winston Churchill ist. Das Oberhaupt von Englands Staatskirche als Resultat eines Seitensprungs unter Alkoholeinfluss? Der Primas nahm die Sache souverän – und erntete großen Respekt.

Transparenz für Welby wichtig

Es sei „eine völlige Überraschung“ gewesen zu erfahren, so Welby, dass sein biologischer Vater nicht Gavin Welby, sondern der 2013 gestorbene Anthony Montague Browne war, von 1952 bis 1965 rechte Hand Churchills. Seine Erfahrung sei aber typisch für viele Menschen, vor allem aus Familien mit Schwierigkeiten und Suchtproblemen.

Vorbehaltlos räumt der Bischof ein, dass seine Eltern Alkoholiker waren und seine Kindheit „chaotisch“. Seine Mutter, Lady Williams of Elvel (1933-2019), sei aber seit 1968 trocken gewesen. Schon beim Amtsantritt hatte Welby offengelegt, dass er seine Ehefrau auf seinen Alkoholkonsum schauen lasse. Kinder von Alkoholikern seien erwiesenermaßen stärker suchtgefährdet als andere. Er schätze „sehr einen Drink“; doch trinke er niemals allein. Für einen Toast auf die verstorbene Königin wird er am Montag wohl ausreichend Gesellschaft finden.

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