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Mainzer Bischof Peter Kohlgraf nicht verwundert

Kardinäle Lehmann und Volk im Visier der Missbrauchsermittler

  • Im Zwischenbericht der unabhängigen Missbrauchsstudie des Bistums Mainz tauchen auch die Namen der bis heute sehr populären Kardinäle Hermann Volk und Karl Lehmann auf.
  • Eine häufige Reaktion der Bistumsleitungen auf Missbrauchsfälle sei „einzig die Versetzung in eine andere Pfarrei gewesen“.
  • Die Mainzer Studie von Rechtsanwalt Ulrich Weber nennt indess eine wesentlich höhere Zahl an Opfern und Tätern als die MGH-Studie der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2018.

Im Juni 2019 wurde der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber vom Bistum Mainz beauftragt, als unabhängiger Ermittler Missbrauchsfälle in der Diözese seit 1945 aufzuklären. Inzwischen sei klar, dass es ein „Fehlverhalten“ früherer Bistumsleitungen im Umgang mit Fällen sexueller Gewalt gegeben habe, sagte Weber am Mittwoch bei einer ersten Zwischenbilanz in Mainz. Das betreffe auch die Amtszeiten der bis heute sehr populären Kardinäle Hermann Volk und Karl Lehmann.

In der Vergangenheit sei „in der Bistumsleitung auf einschlägige Meldungen oftmals nicht adäquat reagiert worden“, erläuterte der Anwalt. Es habe „keine funktionierenden Kontrollmechanismen gegen den weiteren Einsatz von Klerikern trotz Kenntnis früherer Taten gegeben“. Eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle sei „einzig die Versetzung in eine andere Pfarrei gewesen“.

Systematische Verschleierung und Einschüchterung

Selbst schwere Missbrauchsfälle hätten lediglich zu geringen Sanktionen seitens der Bistumsleitung geführt. Auch bei einem Wechsel eines Beschuldigten in ein anderes Bistum habe es oft keine Informationen über dessen Taten gegeben. Betroffene, Meldende und Täter seien zum Schweigen angehalten worden. Die Aktenführung habe ebenfalls zu einer systematischen Verschleierung beigetragen, so Weber weiter.

Nach Angaben des Rechtsanwalts fiel ein Großteil der Vorfälle in die jahrzehntelangen Amtszeiten von Kardinal Hermann Volk (1962 bis 1982) und Kardinal Karl Lehmann (1983 bis 2016). Versetzungen oder Bistumswechsel von Klerikern liefen „über den Tisch des Bischofs“, betonte Weber.

Bischof Kohlgraf: Wir wenden den Blick nicht ab

Bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse sagte der amtierende Bischof Peter Kohlgraf: „Sie helfen uns, in einen schrecklichen Abgrund im Bistum Mainz zu blicken. Wir wenden den Blick nicht ab.“ Das Bistum wolle Transparenz schaffen und „die systemischen Fragen verstehen, die in der Kirche dazu beitragen, dass sexuelle Gewalt nicht verhindert oder sogar befördert wird“.

Mit Blick auf die Kardinäle Lehmann und Volk sagte Kohlgraf, diese seien „große Bischofs-Persönlichkeiten“, die zu Recht ein hohes gesellschaftliches Ansehen hätten. Ihn wundere es angesichts der Erkenntnisse von Weber aber nicht, dass „auch bei diesen großen Namen solche Themen im Raum stehen“. Die „problematische Seite“, die im Aufklärungsprojekt jetzt untersucht werde, gehöre „ebenso zum Leben dieser Männer und somit auch zur Geschichte des Bistums Mainz“.

Zahlen weit höher als in MGH-Studie von 2018

Anwalt Weber wies außerdem darauf hin, dass sich die Zahl der Fälle im Bistum Mainz in seiner Studie von den Ergebnissen der 2018 veröffentlichten MHG-Studie unterschieden. Diese hatte in den Akten aus der Zeit zwischen 1946 und 2017 für das Bistum Mainz 53 beschuldigte Geistliche und 169 Betroffene identifiziert. „Nach Kontakten mit 50 Betroffenen und 75 Wissensträgern sowie intensiver Prüfung von Dokumenten und Archivdaten gehen wir Stand heute von 273 Beschuldigten zu Lasten 422 Betroffener aus“, erklärte Weber.

In seiner Studie werde „neben dem Hellfeld auch das Dunkelfeld betrachtet“. Außerdem nehme er nicht nur Kleriker in den Blick, sondern zum Beispiel auch andere kirchliche Angestellte und ehrenamtliche Gruppenleiter. Darüber hinaus gehe es auch um Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen Erwachsene. Die Schilderungen der Taten erstreckten sich dabei „von der Ausnutzung der besonderen Schutz- und Vertrauenssituation der Beichte eines Erwachsenen für verbale sexuelle Belästigung bis hin zum schweren sexuellen Missbrauch eines Vorschulkindes“.

Weber zufrieden mit Zusammenarbeit des Bistums Mainz

Webers Studie trägt den Titel „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen“ (EVV). Er zeichnete bereits 2017 für die Aufklärungsstudie über körperliche und sexuelle Gewalt bei den Regensburger Domspatzen verantwortlich. Die Zusammenarbeit mit dem Bistum Mainz funktioniert laut Weber gut: „Bischof Peter Kohlgraf kann und will nach unserer Einschätzung alle Karten auf den Tisch legen.“ Mit seinem Zwischenbericht wolle er dazu anregen, dass sich weitere Betroffene, Angehörige, Pfarreimitglieder oder Bistumsmitarbeiter melden, so der Anwalt. Anfang 2022 sei ein realistischer Termin für den Abschlussbericht.

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