Aus dem „protestantischen Schisma Martin Luthers“ lernen

Kardinal Gerhard Ludwig Müller warnt vor Spaltung der Kirche

Der ehemalige Chef der Glaubenskongregation im Vatikan, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hat vor einer Spaltung in der katholischen Kirche gewarnt. Es drohe die Gefahr, dass ein Teil der Katholiken sich desorientiert und enttäuscht abtrenne, sagte Müller der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Sonntag). Die Kirche müsse aus dem „protestantischen Schisma Martin Luthers“ Lehren über zu vermeidende Fehler ziehen.

Müller verlangte von der Kirchenleitung, sie müsse „diejenigen anhören, die ernste Fragen oder berechtigte Beschwerden haben, nicht sie ignorieren oder, schlimmer noch, demütigen“. Er selbst sei bei Papst Franziskus von anonymen Zuträgern verleumdet worden, „die besser einen Seelenklempner aufgesucht hätten“.

„Von Natur aus“ auf Seiten des Papstes

Manche sähen ihn, Müller, gern an der Spitze einer Bewegung gegen den Papst. Er stehe als Bischof und Kardinal der katholischen Kirche jedoch „von Natur aus auf Seiten des Heiligen Vaters“ und werde „niemandem erlauben, meine negativen Erfahrungen der vergangenen Monate zu instrumentalisieren“, so Müller. Der Kardinal hatte nach einer fünfjährigen Amtszeit an der Spitze der Glaubenskongregation im Juli keine Verlängerung erhalten.

Müller sagte, es gebe Spannungen zwischen einem traditionalistischen Lager „auf einigen Internetseiten“ und einer ebenso übertrieben liberalen Front. In beiden Fällen handle es sich um Minderheiten. Wenn aber die römische Kurie als ungerecht wahrgenommen werde, könne „eine schismatische Dynamik in Gang kommen, die schwer einzufangen ist“, so der Kardinal.

Spione gegen angebliche Gegner

So dürften die Kardinäle, die Fragen an der Morallehre des Papstes geäußert hatten, und andere Kritiker nicht als Scheinheilige und Grantler abgetan werden. Nötig sei ein „klarer und aufrichtiger Dialog“. Er habe jedoch den Eindruck, dass ein Kreis um den Papst „sich vor allem darum kümmert, den Spion gegen angebliche Gegner zu spielen“, sagte Müller.

Weiter plädierte Müller, die von Papst Franziskus ausgerufene Phase der Kirche als „Feldlazarett“ müsse vorüber sein. „Heute bräuchten wir eher ein Silicon Valley der Kirche. Wir müssten die Steve Jobs des Glaubens sein“, sagte er unter Anspielung auf den Apple-Gründer. Die „Volkstheologie einiger Monsignori“ genüge ebenso wenig wie die „zu journalistische“ Theologie von anderen. Nötig sei auch Theologie „auf akademischem Niveau“, so der frühere Regensburger Dogmatiker.