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Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige: Ein Untersuchungsbericht äußert sich zu schweren Vorwürfen gegen Kardinal Hengsbach. Die Ergebnisse.
Der frühere Essener Bischof und Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991) soll sexualisierte Gewalt gegen mindestens drei minderjährige Mädchen ausgeübt haben. Forschende schätzen die Vorwürfe als plausibel und gut belegt ein. Schlüssig erscheint ihnen außerdem mindestens ein Fall eines sexualisierten Übergriffs gegen einen minderjährigen Jungen.
Diese ersten Zwischenergebnisse legten Sozialwissenschaftler und Historiker am Donnerstag vor. Insgesamt zählten sie 12 Vorwürfe gegen den populären Kirchenmann zwischen den 1950er und 1980er Jahren.
Forscher: Vorwürfe der Schikanierung plausibel
Die Wissenschaftler untersuchten auch Anschuldigungen, Hengsbach habe unterstellte Geistliche niedergemacht und schikaniert. Zudem hätten Menschen unangemessene körperliche Nähe durch den Kardinal erfahren – diese jedoch nicht als sexuell erlebt. Beides – das Schikanieren und die körperliche Nähe – halten die Forschenden für plausibel. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen wollen sie auch herausarbeiten, ob Hengsbach Missbrauchstäter unter den Priestern schützte.
Rituelle Gewalt nicht bestätigt
Den Forschenden lagen auch vier Meldungen schwerster sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt vor, die zum Teil satanisch-rituelle Bezüge aufweisen. Sie fanden jedoch keine Hinweise, die diese Vorwürfe erhärten würden. Mit der sogenannten Rituelle-Gewalt-Theorie hatte sich zuvor schon ein juristisches Gutachten beschäftigt, das diese Anschuldigungen ebenfalls zurückwies.
Essen und Paderborn machten Vorwürfe öffentlich
Nach Vorstellung des Zwischenberichts bat der heutige Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck erneut um Entschuldigung für seinen Umgang mit einem der Vorwürfe. 2011 hatte das Erzbistum Paderborn Overbeck über eine Meldung gegen Hengsbach informiert. Es leitete den Verdacht auch an den Vatikan weiter, der die Sache fallen ließ. Overbeck unternahm ebenfalls nichts, da er die Zuständigkeit beim Vatikan sah. Erst nachdem sich eine weitere Betroffene gemeldet hatte, machten die Bistümer im September 2023 die Vorwürfe öffentlich.
Er habe die Bedeutung des Vorgangs damals unterschätzt und sich nicht vorstellen können, dass Hengsbach zu solchen Taten fähig gewesen sein soll, sagte Overbeck. Er sei einem Muster gefolgt, nämlich einen kirchlichen Amtsträger zu schützen: „Genau dieses Muster dürfen wir nicht wiederholen.“ Auch Generalvikar Klaus Pfeffer bat um Entschuldigung für Verzögerungen bei der Bearbeitung des Falls.
Was Betroffene nun fordern
Der Betroffenenvertreter aus der Begleitgruppe der Studie, Johannes Norpoth, forderte eine klare Benennung der Taten von Kardinal Hengsbach „ohne Wenn und Aber“. Zudem brauche es eine schonungslose Selbstkritik der Institution Kirche. Sie müsse Macht begrenzen, Strukturen ändern und den Laien mehr Mitsprache einräumen.
Hengsbach war Weihbischof im Erzbistum Paderborn und ab 1958 der erste Bischof des damals neugegründeten Bistums Essen. Er leitete es bis zu seinem Tod 1991. Bekannt war er bundesweit vor allem für seinen Einsatz für Arbeiter und Bergleute im Ruhrgebiet. Er vertrat zudem eine strenge Sexualmoral.
Forscher interviewten Betroffene
Drei historische und sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtungen untersuchen seit Oktober 2024 die Missbrauchsvorwürfe gegen Hengsbach: das Münchner Institut IPP, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und das Berliner Institut Dissens. Am Ende ihrer Arbeit soll eine neue Biografie des Kardinals stehen.
Für ihre nun vorgelegten Zwischenergebnisse werteten die Forschenden Archive und Kirchenakten aus. Darunter waren 12 Fallakten, in denen Hengsbach als Beschuldigter benannt wurde. Zudem führten sie Interviews mit 6 Betroffenen sowie 22 Zeitzeugen und Bistumsverantwortlichen. Der Abschlussbericht soll 2028 veröffentlicht werden.
Update, 13:35 Uhr: Reaktionen des Bistums Essen und von Betroffenen ergänzt. (jdw)
Sexualisierte Gewalt: Hilfe und Hinweise
Haben Sie sexualisierte Gewalt im Bistum Münster erlitten oder möchten Hinweise zu Fällen geben, können Sie sich an die Interventionsstelle oder die Unabhängigen Ansprechpersonen wenden: https://www.bistum-muenster.de/sexueller_missbrauch/. Die Unabhängige Aufarbeitungskommission für das Bistum Münster erreichen Sie über die Seite https://uak-muenster.de/.
Haben Sie sexualisierte Gewalt erlitten und fühlen sich durch diesen Bericht aufgewühlt, können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden – kostenfrei unter Tel. 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222, https://www.telefonseelsorge.de/
Haben Sie sexualisierte Gewalt außerhalb des Bistums Münster oder außerhalb der Kirche erlitten, können Sie hier Hilfe finden:
- Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/
- NINA, Nationale Informations- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend: https://nina-info.de/
- Hilfe für Opfer von Kriminalität: https://weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer-0