Vollversammlung der deutschen Bischöfe eröffnet

Kardinal Marx kritisiert den Ton in der Flüchtlingsdebatte

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat zur Mäßigung in der Debatte über den Umgang mit den Flüchtlingen aufgerufen. Die Diskussion werde in einer Tonlage geführt, die nicht hilfreich sei, sagte der Erzbischof von München und Freising am Montag (19.09.2016) vor der Eröffnung der Vollversammlung der katholischen Bischöfe in Fulda. Sie laufe „in einer Sprache, die geistige Mauern aufbaut und Schreckensszenarien an die Wand wirft“, sagte er. Nötig sei aber eine sachliche, den Menschen zugewandte Art der Diskussion.

Das Erstarken populistischer Strömungen in Deutschland und Europa betrachte er mit Sorge, sagte Marx. Schließlich sei Nationalismus die Ursache vieler Kriege. Eine eingemauerte Gesellschaft werde zudem nach innen verändert, wie das Beispiel Großbritannien zeige. Nach dem Brexit-Votum habe dort die Ausländerfeindlichkeit offenbar zugenommen. „Das Merkmal einer christlichen Identität ist die Nächstenliebe“, setzte er dagegen.

Gemeinsames Hirtenwort zu Wiederverheirateten

Die Bischöfe beraten in der Vollversammlung, die bis Donnerstag (22.09.2016) dauert, auch über ein mögliches gemeinsames Hirtenwort zum Thema Familie. „Wir müssen in Ruhe miteinander überlegen, wie wir auf die Vorgaben des Papstes reagieren“, erklärte Kardinal Marx. Die Positionen der deutschen Bischöfe und die des viel diskutierten Papstschreibens „Amoris laetitia“ lägen „sehr nahe beieinander“, erklärte Marx. Wie der Papst nähmen auch die deutschen Bischöfe verstärkt die besondere Situation von Menschen mit Brüchen in ihren Biografien in den Blick. Der Münchner Kardinal betonte, es gehe um Unterscheidung im Einzelfall und nicht um generell veränderte Regeln.

Die deutschen Bischöfe hatten bei den Weltbischofssynoden in Rom 2014 und 2015 mit dazu beigetragen, dass eine vorsichtige Öffnung in der Seelsorge der katholischen Kirche im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in Gang kam. Diesen neuen Ansatz hatte Papst Franziskus im April 2016 in „Amoris laetitia“ verkündet. Seither wird in verschiedenen Bischofskonferenzen und im Vatikan darüber diskutiert, wie verbindlich die Vorgaben des Papstes sind und wie sie in die Praxis umgesetzt werden können. Die deutschen Bischöfe haben bislang keine gemeinsamen Ausführungsbestimmungen vorgelegt.

Mahnung von „Wir sind Kirche“

Positiv äußerte sich Marx zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Er sehe dem mit großer Freude entgegen und werde in einer evangelischen Kirche predigen. „Beide Kirchen sollten die Gottesfrage in die Mitte der Gesellschaft hineintragen“, sagte er. Nicht die Kirche stehe im Zentrum, sondern Jesus Christus. Er sei der Kern des Evangeliums. Er sei überzeugt davon, dass der christliche Glaube auch weiterhin von zentraler Bedeutung für die Gesellschaft sein werde. „Was sollte an seine Stelle treten?“, fragte er.

Vor Beginn der Vollversammlung hatte die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ in einem offenen Brief an die Bischöfe gefordert, die Frage nach Gott neu zu stellen und zu vertiefen. So sei die offizielle Glaubenslehre zu sehr einem statischen Gottesbild verhaftet, das der griechischen Metaphysik näher stehe als dem Zeugnis der Bibel. Neue Erkenntnisse in Naturwissenschaft, Psychologie und Hirnforschung würden Glaubensaussagen erfordern, die im Denken und in der Sprache nachvollziehbar seien. „Wir stehen vor einer Glaubenskrise, ja Gotteskrise epochalen Ausmaßes“, heißt es in dem Brief.

Die 66 katholischen Bischöfe werden unter anderem über Armut und Ausgrenzung, die Arbeit mit Flüchtlingen, die Situation in der Europäischen Union, Christen im Nahen Osten und eine Positionierung der Kirche zum digitalen Wandel sprechen. Die Vollversammlung aller Bischöfe, die nicht öffentlich tagt, ist das oberste Gremium der Bischofskonferenz.