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Vorsitzende der Ordensobernkonferenz über Fasten in Corona-Zeiten

Katharina Kluitmann: Fasten heißt „Ich tue“ statt „Eigentlich könnte ich“

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Katharina Kluitmann, geboren 1964 in Düsseldorf, ist seit 2012 Provinzoberin der Franziskanerinnen von der Buße und der christlichen Liebe (Lüdinghauser Franziskanerinnen) und seit 2018 Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz. Sie schildert, welche Bedeutung das Fasten für sie hat und wie sie in diesem Corona-Jahr fastet.

Schwester Katharina, wie haben Sie als Kind gefastet und wie fasten Sie heute?

Ich komme aus einer rheinisch-katholischen Familie und habe als Kind während der Fastenzeit auf Bonbons und Schokolade verzichtet, wie es damals üblich war. Heutzutage geht es mir darum, das Fasten nicht zu praktizieren, um sich zu kasteien, sozusagen Askese um der Askese willen zu betreiben, denn das kann nicht der Zweck der Übung sein. Im Mittelpunkt sollte stehen, was für mich gerade Thema ist.

Was bedeutet das?

Dieses Jahr ist alles anders, weil Corona das Leben total durcheinanderbringt. Deshalb habe ich beschlossen, eine Exerzitien-Woche zu machen, und dafür eine gute Möglichkeit gefunden, das hier zu Hause praktizieren zu können. Ich habe alle Termine für die Woche abgesagt und werde Telefon und Handy abstellen. Außerdem habe ich einen Priester gefunden, der mich in dieser Woche geistlich begleitet.

Womit werden Sie sich inhaltlich befassen?

Ich stelle mir die Frage: Welcher Schritt ist jetzt dran, was muss weg, was behindert mich und tut mir nicht gut? Was verhindert, dass ich das Leben führen kann, was ich will, wozu ich geschaffen und berufen bin? Neben persönlichen Fragen, die mich gerade beschäftigen, werde ich mich auch der Frage stellen, was mit der katholischen Kirche gerade los ist, die den bundesweiten Reformprozess „Synodaler Weg“ eingeschlagen hat, an dem ich als Delegierte teilnehme. Ich kann Ihnen aber versprechen, dass ich nicht das nächste Papier für den „Synodalen Weg“ vorbereiten werde.

Wo braucht die Kirche Umkehr und Buße, was ja Anliegen der Fastenzeit sind?

Die Kirche ist selbst groß darin, Umkehr zu predigen, aber sie hat noch nicht ausreichend verstanden, dass das nicht nur ein individuelles Phänomen ist, sondern auch mit der kirchlichen Gemeinschaft zu tun hat. Ich sehe den „Synodalen Weg“ als gemeinsamen kirchlichen Umkehrweg in bester kirchlicher Tradition, denn die Kirche ist eine immer zu reformierende Kirche.

Wie passt die Fastenzeit in Wochen erzwungenen Verzichts wegen Corona?

Die Fastenzeit kommt jedes Jahr. Voriges Jahr haben wir in dieser Zeit noch in einer Art Schockzustand gelebt. Inzwischen beobachte ich, dass viele in Corona-Zeiten dünnhäutiger und aggressiver geworden sind. Da kommt die Fastenzeit genau richtig, um sich zu fragen: Was ist mir im Corona-Jahr aufgegangen? Was hat es mir gezeigt? Bei vielen Menschen verschieben sich derzeit die Wertigkeiten, was wichtig und weniger wichtig ist. Sie setzen neue Prioritäten, und genau das ist es, was die Fastenzeit ausmacht. Dadurch, dass wir sehen, wie blockiert wir sind, ändert sich unser Bewusstsein, und wir bekommen mehr Spielraum. Corona bietet uns insofern die große Chance, diese sieben Wochen sinnvoll zu nutzen, um aus einem „Eigentlich könnte ich“ ein „Ich tue“ werden zu lassen. Manche entdecken dadurch auch ihre kontemplative Berufung.

Die Fastenzeit führt auf Ostern hin. Wie sollte man sich denn auf Ostern vorbereiten?

Ostern ist das große positive Fest, das Fest des Lebens. Wenn wir durch die 40-tägige Bußzeit hindurchgehen, dann können wir feiern. Die Tradition jeder Kirche bietet einen bunten Blumenstrauß von Möglichkeiten, wie wir uns darauf vorbereiten können, etwa durch bestimmte Bibelstellen oder Bilder. Diese Möglichkeiten können wir gar nicht alle nutzen. Kriterium für das, was wir als Vorbereitung praktizieren können, ist, ob es am Ende zum Leben führt. Das Fasten muss also nicht verbiestert sein. Die politisch unkorrekte, unpopuläre Aussage von Karfreitag ist: Das Leid gehört zum Leben, aber es ist ein Durchgang. Es macht also keinen Sinn, am Karfreitag hängen zu bleiben. Eine Illusion, die Corona uns genommen hat, besteht darin, dass das Leben immer schön und lustig ist. Das heißt nicht, dass man das Leid suchen müsste. Unsere Religion zeigt mir, wie ich damit so umgehen kann, dass es mich am Ende zum Leben führt. Das muss nicht jeder von uns allein schaffen, sondern durchaus auch in der Gemeinschaft der Kirche.

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