Anzeige
Angesichts gesellschaftlicher Krisen setzen Politiker beim Katholikentag auf die Unterstützung der Christen – auch im Kampf gegen Rechtsextremismus.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und weitere Spitzenpolitiker haben auf dem Katholikentag in Würzburg vor der AfD gewarnt. Eindringlich wies Steinmeier am Donnerstag auf die möglichen Folgen einer AfD-Regierungsübernahme nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hin: Viele kulturelle Einrichtungen wären dadurch bedroht und 50.000 ehrenamtlich Aktive betroffen.
Bei einer Veranstaltung zum Ehrenamt in Kirche und Gesellschaft bezog sich der Bundespräsident auf das Parteiprogramm der Rechtsaußenpartei Dieses zeige, "was es bedeuten würde für das Ehrenamt, wenn ein Regierungsprogramm Realität wird, in dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk, viele Museen und Einrichtungen mit künstlerischem Anspruch vernichtet werden. Das wird in einem Land wie Sachsen-Anhalt etwa 50.000 Ehrenamtler betreffen."
Auch Ramelow warnt beim Katholikentag vor der AfD
Der Vizepräsident des Bundestags, Bodo Ramelow, bezeichnete das Regierungsprogramm der AfD als das "kirchen- und gesellschaftsfeindlichste", das er je gelesen habe. Mit Appellen und Sonntagsreden könne man nicht dagegenhalten, sagte der Linken-Politiker. Vielmehr gelte es die Herzen der Menschen zu erreichen, um ihnen klarzumachen, was da gerade passiere.
In Sachsen-Anhalt wird am 6. September ein neuer Landtag gewählt. In Umfragen liegt die AfD mit großem Abstand vorn und könnte möglicherweise sogar die absolute Mehrheit erreichen. Aus Sicht des Bundespräsidenten geht es bei der Wahl auch "um den Schutz von Einrichtungen und, ich kann nur sagen, den Schutz von einem kulturell reichen Leben, wie wir uns das vorstellen und das erhalten bleiben muss."
In Würzburg: Wüst warnt vor AfD-Regierung in Ländern
Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) warnte davor, die Gefahren zu unterschätzen, die mit einer AfD-Regierungsübernahme in Bundesländern verbunden wären. Sehr gefährlich seien Einschätzungen, man solle die Partei doch "einfach mal machen lassen", damit sie sich dann schon selbst entzaubere, sagte Wüst bei einem Empfang zum Auftakt des Katholikentags am Mittwochabend.
Er würdigte die Rolle der Kirchen für die Gesellschaft und ermutigte sie zu weiterem Engagement. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sieht Religion und Kirche als wichtige Bollwerke gegen antidemokratische Kräfte und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er selbst wolle nicht in einem Land ohne Glauben leben, sagte er. Ein solches Land wäre anfälliger für Verrohung und politische Extreme.
Dobrindt beklagt pessimistische Debattenkultur
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte zu mehr Leistungsbereitschaft und Optimismus auf. "In einer Generation vor 30, 40, 50, 60 Jahren wusste man, dass man solche Herausforderungen nur durch Leistung, durch Einsatz, durch Bereitschaft, auch durch Leidenschaft bewältigen kann", sagte er. "Ich würde mir wünschen, dass wir uns ein bisschen mehr ein Vorbild an dieser Generation nehmen", so der Minister im Gespräch mit dem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Marc Frings.
60.000 Gäste zum Katholikentag erwartet
Besuchen Sie Kirche+Leben in Würzburg!
Willkommen in Würzburg! Wenn Sie beim Katholikentag dabei sind, erwartet Sie Chefredakteur Markus Nolte am Stand von Kirche+Leben und Emmaus-Reisen im Zelt der Nordbistümer, in dem sich auf Einladung der Darlehnskasse Münster (DKM) die Diözesen Münster, Osnabrück, Hildesheim und Hamburg präsentieren. Sie finden uns nach einem kurzen Gang von der Würzburger Innenstadt über die Friedensbrücke rechts direkt am Mainufer (Stand FB-N-19).
Zum Katholikentag werden bis Sonntag rund 60.000 Gäste erwartet, darunter rund 30.000 Dauerteilnehmer. Rund 900 Veranstaltungen sind geplant. Am Freitag will Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit Jugendlichen über Zukunftsfragen diskutieren. Bundespräsident Steinmeier sagte, Staat und Kirche in Deutschland seien aufeinander angewiesen. "Das eine geht nicht ohne das andere."
Beim Eröffnungsgottesdienst zum Fest Christi Himmelfahrt warnte der Würzburger Bischof Franz Jung davor, Religion für politische Zwecke zu missbrauchen. Mit dem Motto "Hab Mut, steh auf!" wage das Katholikentreffen "den Widerspruch gegen alle Machthaber dieser Welt, die sich in Allmachtsfantasien ergehen und diese auch noch religiös verbrämen". Gottes Reich gründe weder auf Gewalt noch auf Unterdrückung oder Einschüchterung. Am Gottesdienst vor der Würzburger Residenz nahmen trotz Regenwetters rund 11.000 Menschen teil.
Bischof Wilmer für Schulfach Medienbildung
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, sprach sich für ein Schulfach Medienbildung und -ethik aus. Angesichts von immer mehr Fake News und gezielten Desinformationskampagnen – auch mit Hilfe von KI – könnten junge Menschen so lernen, besser zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, sagte der künftige Bischof von Münster.
Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, forderte die Kirchen zu mehr öffentlichem Druck für staatliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt auf. In den Bundesländern müsse es unabhängige Aufarbeitungskommissionen geben. Bischof Jung entgegnete, die katholische Kirche habe sich von Beginn an mehr staatliches Engagement bei der Aufarbeitung gewünscht: "Das wäre eine große Entlastung für alle gewesen."
Glockenkonzert am Dom
Aus Anlass des Katholikentags gab es am Donnerstagmittag ein außergewöhnliches Konzert der Glocken des Würzburger Domes, das sich über 45 Minuten hinzog. Die geläuteten Motive reichten vom Trauergeläut bis zum prägnanten "Westminster"-Schlag, bekannt vom Londoner "Big Ben". Anlass war unter anderem, dass das Domgeläut bei der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 fast komplett zerstört worden war. 1966 – vor genau 60 Jahren – bekam das Gotteshaus elf neue Domglocken.