ZUKUNFT DER KIRCHE

Warum die Kirche in Deutschland Verlieren lernen muss

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Die Erosion der Kirche in Deutschland ist offenbar nicht abzuwenden. Sie muss mit dem Aufhören anfangen, sagt Tobias Kläden.

Wohin entwickelt sich die Kirche in Deutschland? Eines steht fest: Die Bevölkerung in Deutschland ist bereits aktuell nicht mehr mehrheitlich Mitglied einer der christlichen Kirchen. Aufgrund der demografischen Entwicklung sowie der hohen Austrittsbereitschaft wird sich dieser Erosionstrend in den kommenden Jahrzehnten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weiter fortsetzen beziehungsweise sich eher noch beschleunigen. Christsein wird damit in Deutschland mehr und mehr zu einem Minderheitenphänomen.

Für die Kirchen bedeutet dies, dass die Bearbeitung der Verluste an Ressourcen, Einfluss und Bedeutung oben auf der Tagesordnung stehen muss. Man wird nicht einfach das Gleiche tun können wie bisher, nur in kleinerem Maßstab. Quantitative Einbußen ziehen qualitative Veränderungen mit sich: Weniger ist völlig anders.

Gesellschaften müssen umverteilen

Der Autor:
Tobias Kläden, Theologe und Psychologe, ist Referent für Evangelisierung und Gesellschaft bei der Katholischen Arbeitsstelle für missionarischen Pastoral (KAMP) der Deutschen Bischofskonferenz in Erfurt.

Wenn Verluste also unvermeidbar sind, wie lässt sich dann Resilienz aufbauen, also eine robuste Widerstandsfähigkeit? Der Sozialpsychologe Harald Welzer empfiehlt dazu die Besinnung auf eine alte Kulturtechnik: das Aufhören. Die christliche Tradition kennt dazu passende Methoden des bewussten Verzichtens, zum Beispiel Fasten oder Askese.

Mit dem Aufhören, Beenden, vielleicht auch Verlernen sind Kompetenzen verbunden, die angesichts der bereits ablaufenden Transformationsprozesse nötig sind. Es gilt nicht nur im kirchlichen Kontext: Probleme endlicher Ressourcen lassen sich nicht durch Steigerung oder Optimierung lösen. Wir müssen ehrlich sein: Die westlichen Gesellschaften werden umverteilen und konsumärmer werden müssen – sie werden Abstiegstransformation lernen müssen.

Platz für Neues

Aber lässt sich eine Individualtugend wie Verzichten und Aufhören auf eine Organisation wie die Kirche übertragen? Kurz gesagt: Ja! Das entsprechende Stichwort dazu lautet: Exnovation. Dies ist der Gegen- und Komplementärbegriff zur Innovation. Er weist darauf hin, dass auch Organisationen Dinge aufhören und beenden müssen, die dysfunktional sind, die ihren Zweck nicht mehr erfüllen.

Es geht darum, zu priorisieren und damit auch zu posteriorisieren, also zu benennen, was man zukünftig weglassen kann oder muss – bei aller Sensibilität für diejenigen, die die damit verbundenen Verluste erleiden (und der Notwendigkeit, entsprechende Abschieds- und Trauerprozesse zu gestalten). Aber wenn man nicht mehr messiehaft an Dingen festhält, die nicht mehr gebraucht werden, für die es keine segensreiche Verwendung mehr gibt, wird auch wieder Platz für Neues, für Innovationen frei.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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