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Braucht es die kirchliche Position in gesellschaftlichen Debatten? Es kommt drauf an, sagt Seelsorger Jonas Christopher Höpken.
Soll die Kirche Tempo 80 auf Landstraßen fordern, wie es die Evangelische Synode beschlossen hat? Nein, findet nicht nur Julia Klöckner: Wenn die Kirche sich am Parteienstreit über Verkehrspolitik beteiligt, wird sie selbst zu so etwas wie einer Partei und verfehlt ihre eigentliche Aufgabe, Gott zur Sprache zu bringen. Sagt auch mein Sitznachbar neben mir auf der Kirchenbank.
Aber über Abtreibung darf die Kirche sich auch künftig äußern? „Natürlich, das ist etwas anderes“, so seine Antwort. „Da geht es doch um die Grundfrage von Leben und Tod!“ Beim Tempolimit nicht – angesichts von Verkehrs- und Klimaopfern? Und kann man innerhalb des Kirchenvolkes nicht auch zu Details der Formulierung des § 218 verschiedener Meinung sein?
Lob und Kritik für Papst Leo XIV.
Der Autor:
Jonas Christopher Höpken ist katholischer Theologe und Sozialpädagoge, arbeitet im Krankenhaussozialdienst, im Betriebsrat sowie ehrenamtlich als Ratsherr, im KAB-Diözesanvorstand und im Prediger/innen-Team des Forum St. Peter Oldenburg.
Als Papst Leo XIV. die US-Regierung wegen des Iran-Krieges kritisiert hat, gab es dafür viel Lob: Fast jeder spürte, dass es die Pflicht des katholischen Kirchenoberhauptes war, zu dieser weltbedrohlichen Frage Position zu beziehen. Sogar mein Kirchenbank-Nachbar fand das gut.
Aber Papst Leo bekam es auch mit massiven Bedrohungen zu tun – durch die politisch und militärisch ganz Mächtigen dieser Welt. Und mit seiner Enzyklika über die Menschheit in Zeiten künstlicher Intelligenz hat er die Tech-Elite in Stellung gebracht, die ihre Pläne für eine Neuordnung der Welt ungestört umsetzen will.
Kirche inmitten dieser Welt
Aber Tempo 80 – Abtreibung – Angriffskrieg – KI: Wo ist die Grenze? Wozu soll die Kirche schweigen und wozu darf sie es auf keinen Fall? Die Kirche ist Akteur inmitten dieser derzeit so gebeutelten Welt. Sie muss bei den Menschen sein. Dazu gehört die seelsorgliche Hilfe im Alltag, und dazu gehört gleichzeitig die Sorge um die politisch-ökonomischen Verhältnisse, in denen genau diese Menschen leben.
Wichtig ist, dass Kirche deutlich macht, aus welcher Motivation heraus sie spricht: weil der Gott des Alten und des Neuen Testaments ein Gott der Lebenden ist und nicht der Toten. Weil die Befreiung Israels aus der ägyptischen Tyrannei ein Urbild für Gottes Heilswillen gegenüber uns allen ist. Weil der prophetische Schrei gegen despotische Machtausübung jeglicher Art auch heute noch gilt. Und weil Jesus die Befreiungsbotschaft Gottes uns allen zugesprochen hat. Deshalb spricht Kirche auch politisch. Nicht als unfehlbare Instanz, aber als sichtbares Zeichen der Hoffnung auf das Reich Gottes, die sie zur Sprache zu bringen hat. Denn die Welt ist nicht verloren.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.