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Sollten Christen unpolitisch auftreten? Konstantin Bischoff hat eine klare Antwort auf diese vieldiskutierte Frage.
Kirche soll unpolitisch sein. Diese Forderung hört man immer wieder. Vor allem wenn die christliche Botschaft in Konflikt mit der Tagespolitik gerät. Auch innerkirchlich erscheint diese Forderung sehr bequem, kann man sie doch gut kombinieren mit Sätzen wie: „An erster Stelle stehen Christus und sein Evangelium.“ Doch das Christentum ist in seinem Innersten politisch. Es ist, mit den Worten von Johann Baptist Metz, eine „Mystik der offenen Augen“. Und diese sieht hin. Sie blendet das Leid nicht aus. Wer eine unpolitische Kirche fordert, verlangt eine Kirche ohne Gedächtnis, ohne Herz und ohne Gott.
Metz spricht vom Christentum als einer „Mystik der Mitleidenschaft“. Mitleidenschaft heißt: sich vom Leid anderer so treffen zu lassen, dass es die eigene Existenz erschüttert. „Leidempfindlichkeit für fremdes Leid“ in Metz‘ Sinne ist kein moralisches Extra, sondern Wesenszug des Glaubens.
Kirche muss widersprechen
Der Autor
Konstantin Bischoff ist Pastoralreferent und leitet als Pfarrbeauftragter die Pfarrei Herz Jesu in München. Er wurde in Sankt Georgen im Fach Pastoralpsychologie promoviert.
Metz nennt das Compassio und meint mehr als Mitleid. Mitleid kann paternalistisch gönnerhaft und distanziert sein. Compassio dagegen: mit den Leidenden das eigene Leben, den eigenen Glauben und die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage stellen. So wie Jesus selbst es tat. Wer sich wirklich anrühren lässt, kann nicht neutral, unbeteiligt und unpolitisch bleiben.
Diese Mitleidenschaftlichkeit, wie man Compassio mit einem Kunstwort meines Erachtens am besten übersetzen kann, ruft dazu auf, sich verpflichten zu lassen: nicht beruhigen, sondern unterbrechen; nicht distanziert bleiben, sondern sich hineinziehen lassen; nicht privat fromm, sondern politisch werden. Denn Leid hat Ursachen und diese haben Namen: Ausbeutung, Gleichgültigkeit, Rassismus, soziale Kälte. Wer angesichts dessen eine unpolitische Kirche fordert, fordert eine Kirche, die schweigt, wo sie widersprechen müsste. Das wäre Verrat an der Compassio.
Aufruf zur Veränderung
Diese Art des Politisch-Seins ist Mystik. Nicht weil sie weltflüchtig wäre, sondern weil sie Gott und Welt untrennbar verbindet. Wer an den Gott Jesu glaubt, glaubt an einen Gott, der sich mit den Leidenden identifiziert. Gottesfrage und Gerechtigkeitsfrage lassen sich nicht auseinanderdividieren. Mystik im Sinne von Metz heißt: Gottes Gegenwart im Schrei der Opfer erkennen. Und dieser Schrei ist öffentlich. Er ist politisch. Wer ihn hört, kann nicht so tun, als ginge ihn das nichts an. Das müssen auch Themen der anstehenden neuen Synodalkonferenz sein.
Kirche wird so parteiisch – im besten Sinn: an der Seite der Leidenden. Nicht als verlängerter Arm einer Partei, sondern als Stachel im Fleisch jeder Macht. Eine Kirche, die das ernst nimmt, wird anecken. Sie wird sich vor allem auch selbst hinterfragen und kritisieren lassen müssen, denn auch in ihr gab und gibt es Leid und Ungerechtigkeit. Es braucht auch Compassio mit denen, die in dieser Kirche leiden und ausgestoßen werden, auch hier nicht als angeblich taktvolles Mitleid, sondern als mitleidenschaftlichen Aufruf zur Veränderung.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.