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Es braucht wieder mehr Menschen, die gute Erfahrungen in der Kirche machen. Pfarrer Leo Wittenbecher hat Ideen, wie das funktionieren kann.
Vor 60 Jahren, am 7. Dezember 1965, war es so weit. Nach langem Ringen konnte der Text verabschiedet werden: „Gaudium et spes“, die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils. Klare Botschaft: Die Kirche schlägt einen neuen Weg ein. Sie fühlt sich besonders mit den Armen und Bedrängten verbunden. Sie will eine Haltung der Solidarität entwickeln.
Kirche Ende 2025. Wie sieht es heute aus? Gerade in diesen Tagen bereiten zahllose Pfarrbüros die Statistiken zum Jahreswechsel vor. Dabei kennen wir alle die Entwicklung schon jetzt: Die Zahl der Kirchenmitglieder geht immer weiter zurück. Von denen, die dabei bleiben, besuchen nunmehr rund fünf Prozent den Sonntagsgottesdienst – in manchen Regionen etwas mehr, in anderen etwas weniger. Trotzdem bleibt vieles beim Alten. Es war schon immer so …
Was Fährmänner leisten
Der Autor:
Pfarrer Leo J. Wittenbecher, geboren 1970, leitender Klinikpfarrer an den Universitätskliniken Münster und Referent für Krankenhauspastoral im Sendungsbereich 300 des Bischöflichen Generalvikariates Münster.
Was braucht es, wenn wir uns im Sinne von „Gaudium et spes“ eben nicht damit begnügen, als Kirche für uns selbst da zu sein? Es braucht Männer und Frauen, die so wie Fährmänner sind.
Wie sind Fährmänner? Der Fährmann ist bereit, den sicheren Hafen zurückzulassen. Er macht sich mutig auf den Weg und nimmt dabei Menschen für eine Zeit lang mit. Er verkauft nicht nur Saisonkarten – auch Einzelfahrscheine sind zu haben. Der Fährmann ist auch dort, wo es unsicher ist. Er kennt nicht nur Binnengewässer. Der Fährmann steht oft im Grenzbereich, am Ufer. Er bleibt an Bord – auch wenn es turbulent wird. Der Fährmann arbeitet unspektakulär, aber unverzichtbar.
Über den Tellerrand schauen
Solche Frauen und Männer braucht es in der Kirche gerade jetzt – mit Weitblick und Durchhaltevermögen, ohne Scheu, ohne viel Tamtam: weniger Inszenierung, mehr dienende Haltung, verlässlich präsent sein an den Rändern und an den Schwellen zwischen Leben und Tod; Geburt, Krankheit, Trauer, Neuanfang.
Wie wär’s? Kirche in der Welt von heute, die über den Tellerrand schaut und vom anderen her denkt und plant. Mehr in Zukunft investieren, weniger in Vergangenheit, nicht halbherzig – weil sonst ja eh kaum mehr einer da ist –, sondern aus Überzeugung: „Für Dein Leben gern!“ Nach dem Motto: „Du bist uns wichtig – so wie Du bist!“ Ich bin sicher: Das lohnt sich! Auch wenn klar ist, dass die Kirchenmitgliederzahl auch dann nicht wieder ansteigen wird – und auch nicht die Zahl der Gottesdienstbesucher. Ganz sicher aber kann so die Zahl derer steigen, die gute Erfahrungen mit Kirche machen.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.