Online-Unterricht für Kinder mit Krankheit oder Handicap

Keine Ferien für die „Web-Individualschule“ in Bochum

Der Klassenraum ist nicht zu betreten, und Pausen auf dem Schulhof gibt es auch nicht: Die „Web-Individualschule“ Bochum findet nur virtuell statt, im Web eben. Ganz richtig ist das auch nicht, denn Sarah Lichtenberger, Leiterin der 2002 gegründeten Schule, meldet sich am Telefon zum Gespräch mit „Kirche+Leben“.

Eigentlich ist es keine Schule, denn der Betrieb in privater Trägerschaft ist nicht staatlich anerkannt. „Lernen können hier hauptsächlich Kinder und Jugendliche, die von der Schulpflicht befreit sind“, erläutert Lichtenberger. Dafür kooperiert die Privatschule mit den Jugend­ämtern. „Bei uns lernen Schüler, die oft schwer krank sind.“ Jugendliche mit einer Krebserkrankung oder Dialyse-Patienten gehören dazu.

Von Bio bis Mathe

40 Prozent sind Jugendliche mit Asperger-Syndrom oder atypischem Autismus: „Die Flut an Reizen, beispielsweise der Lärmpegel in großen Schulklassen und viele soziale Situationen werden autistischen Schülern nicht immer gerecht“, nennt Lichtenberger einen Grund, warum diese Schüler an der „Web-Individualschule“ besser lernen können. Erschreckend hoch ist übrigens die Zahl der Schüler, die wegen Mobbing ihre bisherigen Schulen nicht mehr besuchen konnten. Sie liegt bei zehn Prozent.

Jeder Schüler bekommt einen persönlichen Lehrer zugewiesen. „Derzeit sind es die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch und Biologie sowie Erdkunde und Geschichte oder Gesellschafts- und Arbeitslehre“, erklärt die Schulleiterin.

Kommuniziert wird täglich 30 Minuten über das Online-Kameraprogramm Skype: „Dann werden die Schüler mit Materialien versorgt, und der Lehrer bespricht den Ablauf.“
2002 war diese Art des Unterrichtens noch eine echte Herausforderung: „Das Internet war noch recht ruckelig“, erinnert sich Lichtenberger. Trotz digitalen Zugangs: Es gibt Schüler, die sich nicht zeigen wollen und lieber nur telefonieren oder mailen wollen – auch das sei möglich.

Die Schule arbeitet mit Psychologen und Sozialarbeitern zusammen. Die Kosten von 830 Euro monatlich übernimmt meistens das Jugendamt.

Tatsächlich musste sich Sarah Lichtenberger schon anhören, ob es Sinn mache, kranken Kindern dieses Lernangebot zu machen, von denen die meisten nie voll für den Arbeitsmarkt zu Verfügung ständen: „Jeder hat ein Recht auf Bildung, auch kranke Kinder“, sagt die Sozialpsychologin.

Alle hofften auf ihren Platz in der Gesellschaft. „Wir unterstützen unsere Schüler dabei, indem wir ein Stück Normalität bieten.“

Ganz individuell ist der Zugang zu Schülern mit einer besonderen Schulgeschichte, die geprägt war von seelischem Schmerz oder körperlicher Erkrankung. Das erfordert von den 20 Lehrern großes Einfühlungsvermögen. Das Kollegium stellt sich mit lustigen Steckbriefen ganz persönlich auf der Internetseite vor.

Büro mit Kletterwand

Pro Tag unterrichtet ein Lehrer bis zu 15 Schüler hintereinander. Dafür betritt er ein reales Gebäude: Seit Herbst 2018 wird von einem eigens errichteten Bürokomplex in Bochum aus gearbeitet. Sogar eine Kletterwand gibt es hier. Das lockert Schülerbesuche auf, und Lehrer nutzen es als Ausgleich.

Ihre Prüfungen für den Förderschulabschluss, Haupt oder Realschulabschluss legen die Schüler an Kooperationsschulen ab. In Dortmund ist das zum Beispiel das evangelische Bildungswerk.

Ferien macht die „Web-Schule“ nicht: „Wir arbeiten durch“, sagt Lichtenberger. Was für viele Schüler ein Alptraum wäre, ist für die „Webis“ ein Glück: „Oft können unsere Schüler aufgrund von langen Krankenhaus-Aufenthalten nicht lernen. Daher machen wir in dem Sinne keine Ferien.“