Werke des bekennenden Katholiken erreichten Millionenauflage

Kinder- und Jugendbuchautor Willi Fährmann aus Xanten ist tot

Seine mehr als 60 Bücher haben Millionenauflage erzielt, seine Erzählungen finden sich in vielen Schulbüchern: Willi Fährmann ist einer der bedeutendsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Am Donnerstag starb der Erzähler, der im niederrheinischen Xanten zuhause war, im Alter von 87 Jahren.

Er ist ein Kind des Ruhrpotts, geboren und groß geworden in Duisburg, wohin es seinen aus Ostpreußen geflohenen Vater verschlagen hatte. Da dieser in einer Brauerei arbeitete und ein Teil des Lohns in Bier abgegolten wurde, trafen sich in der Fährmannschen Wohnung Bekannte gern zu einem Plausch. Ihre Geschichten, aber auch die Erzählungen seiner Großmutter, beflügelten Willis Fantasie schon als Kind.

Schulleiter in Xanten

Nach der Schule absolvierte Fährmann 1946 zunächst eine Maurerlehre. An der Abendschule holte er das Abitur nach, um ein Lehramtsstudium aufnehmen zu können. Wie bei anderen großen Jugendbuchautoren gingen der Beruf des Lehrens und des Schreibens eine fruchtbare Verbindung ein: Von 1954 an war Fährmann Volksschullehrer in Duisburg. 1963 wurde er Schulleiter in Xanten, 1972 dann Schulrat.

Kindern und Jugendlichen „nicht Literatur auf Schmalspur, sondern Poesie“ zu bieten, das war sein Anliegen. Seine intensiv recherchierten Werke seien keine reinen Problembücher, betonte er. Zwar schilderten sie Schicksalsschläge, aber auch Freude und Glück kämen nicht zu kurz: „Ich will Weinen und Lachen, Freude und Leid zur Sprache bringen“, so der Autor, der zum 80. Geburtstag seine Erinnerungen unter dem Titel „Das Glück ist nicht vorbeigegangen“ veröffentlichte. Die Hoffnung auf eine bessere Welt hat in Fährmanns Büchern immer einen Platz.

Bekannte Bienmann-Familiengeschichte

Thema seiner Romane sind die Lebenswege von Menschen in extremen Situationen: Antisemitismus, Flucht, Auswanderung, Aussiedlung oder Behinderung werden aus der Perspektive kleiner Leute erzählt. Fährmann ist ein Meister des realistischen Erzählens, ein Chronist des Alltagslebens.

Sein wenig erfolgreiches schriftstellerisches Debüt gab er Mitte der 1950-er Jahre. Der Erfolg kam 1962 mit „Das Jahr der Wölfe“, das sich mit „Kristina, vergiss nicht“ (1974), „Der lange Weg des Lukas B.“ (1980) und „Zeit zu hassen, Zeit zu lieben“ (1985) zu einer Familiensaga verbindet. In ihr erzählt er die Geschichte der ostpreußischen Handwerkerfamilie Bienmann vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Beziehungen von 1870 bis zur Gegenwart. Mit diesen Büchern trug Fährmann entscheidend zur Wiederentdeckung der historischen Dimension in der Jugendliteratur bei. Für „Der lange Weg des Lukas B.“ erhielt er 1981 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Kritischer Katholik

Auch sein 1968 erschienener Roman „Es geschah im Nachbarhaus“ war ein für die damalige Zeit gewagter Stoff: Fährmann schildert darin das Kesseltreiben gegen eine jüdische Familie, der in einer Kleinstadt am Niederrhein 1891 ein Kindermord angehängt werden soll. Das Werk ebnete den Weg für eine Beschäftigung junger Leute mit den Hintergründen des Holocaust.

In dem 2008 erschienenen „So weit die Wolken ziehen“ erzählt Fährmann von der Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkriegs. Ihn ärgert, wie sehr das Thema nachträglich verniedlicht worden sei: Schließlich wurden die Jungen und Mädchen damals für lange Zeit von ihren Eltern getrennt – auch, weil die Mütter in der Kriegswirtschaft gebraucht wurden.

Neben dem Realisten gibt es auch den Fährmann, der Märchen, Sagen und Legenden liebt. So hat er die Siegfried-Sage für junge Leser neu erzählt und Heiligenlegenden wie die des Franziskus für jüngste Leser geschrieben. Fährmann ist seit seinen Jugendtagen ein bekennender, aber auch kritischer Katholik. Seine geistige Heimat sei geprägt worden durch die katholische Jugendgruppe und gute Kapläne, erzählt er. „Aber es stieße mir ganz sauer auf, wenn ich etwa in die Reihe von Apologeten eingereiht würde. Ich zeige ja ein sehr breitgefächertes Bild von Katholizismus.“