Leiter des Diözesanmuseums ist Präsident des VfL Osnabrück

„Kirche braucht Begeisterung wie im Fußball“

Fußball – eine Religion? Für viele Menschen zumindest eine Ersatzreligion. Was kann die Kirche vom Fußball lernen? Und wo gehen die religiösen Bezüge im Fußball zu weit? Zum Start der Bundesliga am Wochenende gibt es Antworten von Hermann Queckenstedt. Er ist Leiter des Diözesanmuseums Osnabrück – und zugleich Präsident des VfL Osnabrück.

„Kirche+Leben“: Fußball und Religion – gibt es da Gemeinsamkeiten?

Hermann Queckenstedt: Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Aber wenn man genau hinschaut, dann gibr es ähnliche Ausdrucksformen und dieselben Zyklen. Der Kirchgang bot früher nicht nur die Möglichkeit zu beten, er spielte auch eine große soziale Rolle. Die Leute auf dem Land sind zur Kirche gegangen und haben sich danach beim Frühschoppen getroffen – es war weit mehr als die reine Liturgie. Ein Gottesdienst war ein kulturelles Erlebnis in einem architektonisch gut durchgeplanten Raum. Auch im Fußball spielt die soziale Komponente eine große Rolle, und es gibt ebenfalls einen Wochenzyklus. Wenn ich nur zu Heimspielen gehe, ist es ein Zwei-Wochen-Zyklus, aber eingefleischte Fans fahren auch zu Auswärtsspielen. Dann findet diese Fußball-Liturgie jedes Wochenende statt.

Lässt sich der Einzug der Spieler ins Stadion mit dem Einzug des Priesters und der Messdiener in die Kirche vergleichen?

Wenn der Priester einzieht, läutet das Glöckchen, die Leute bereiten sich und es wird gesungen. Das hat etwas Würdevolles, Stilvolles. Man latscht nicht einfach rein, sondern nennt es nicht ohne Grund Einzug. Ähnlich ist es beim Fußball: Es gibt wie in der Liturgie eine feste Abfolge von Liedern, Hymnen und Melodien, die gespielt werden. Das sind Rituale.

Ist Fußball eine Ersatzreligion?

Für viele Menschen, denen ich begegnet bin, ganz bestimmt. In Frankfurt habe ich den Fan Günter Keim kennengelernt, der hat sich Aufnäher sticken lassen: „Eintracht ist meine Religion bis in alle Ewigkeit“. Fußball bietet Fans das Gefühl, zu etwas Größerem zu gehören, zu etwas, was man gemeinsam vollziehen kann, was Sinn vermittelt und Perspektiven schenkt. Das ist auch ein Grund, warum der Fußball so fasziniert. Wir als Kirchen sollten da sehr sensibel sein und über solche Fußballfans keinesfalls die Nase rümpfen. Wir sollten uns vielmehr fragen, warum wir sie mit unserer Botschaft nicht erreichen.

Können die Kirchen vom Fußball lernen?

Ich will den Fußball nicht glorifizieren. Die Ablösesummen – bei Neymar waren es 222 Millionen Euro – haben mit Moral und Werten nur wenig zu tun. Das ist ein großer Kommerz. Aus der Perspektive eines Fans denke ich aber schon, dass wir in der Kirche Formen entwickeln sollten, die die Menschen stärker ansprechen, als es derzeit oft der Fall ist.

Mehr Gemeinschaftserlebnisse und Begeisterung …

Hermann Queckenstedt.
Hermann Queckenstedt. | Foto: Diözesanmuseum Osnabrück

Ja. Für Fußballspieler heißt es auf dem Platz alles zu geben. Das fordern auch die Fans. Oder: „Ihr könnt verlieren, aber ihr müsst kämpfen.“ Diese leidenschaftliche Haltung und Erwartung, ist uns eher verloren gegangen. Man merkt das ja in Kirchengemeinden: Dort, wo Offenheit vorhanden ist und unerwartete, alternative Angebote gemacht werden, ist sofort Interesse da. Das ist natürlich nicht der Königsweg, um Menschen zum Glauben führen, aber auf jeden Fall wäre eine stärkere Interaktion ganz wichtig.

Es gibt Begriffe wie „Hand Gottes“ bei Maradona, man spricht vom „heiligen Rasen“ oder vom „Fußballgott“. Was ist von solchen Begriffen zu halten?

Wir haben im Diözesanmuseum Osnabrück 2009 in der Ausstellung „Im Fußballhimmel und auf Erden“ solche völlig überzogenen Sakralisierungen sogar unkommentiert ausgestellt. Das Ganze hat sich selbst entlarvt. Aber es ist interessant – und das gilt nicht nur für den Fußball –, dass sehr viele Begrifflichkeiten und Bilder aus dem religiösen Bereich in andere Felder übernommen werden. Diese Adaption kann ironisch gemeint sein, aber oft steckt auch ein Kern Wahrheit drin. Der augenzwinkernde Umgang mit religiösen Versatzstücken scheint Faszination und Überraschung zu erzeugen oder soll als grenzüberschreitende Provokation Aufmerksamkeit erzeugen. Schwierig wird es in meinen Augen, wo es dann blasphemisch wird.

Zum Beispiel?

Hermann Queckenstedt stammt aus Altenberge und studierte in Münster. Der Leiter des Diözesanmuseums Osnabrück wurde im November 2014 zum Präsidenten des Fußball-Drittligisten VfL Osnabrück gewählt.

Rapid Wien hat mal eine Werbekampagne mit Plakaten gemacht, die eindeutig Bezüge zu biblischen Themen hatten. Einige Zeit später, gestaltet von derselben Agentur, wurde für das Plakat zur Sonderausstellung zum 60. Geburtstag des österreichischen Fußballidols Hans Krankl das Turiner Grabtuch mit seinem Antlitz verfremdet. Die Ausstellung hieß zudem „Hanse Unser“. Der Respekt vor den religiösen Gefühlen vieler Menschen gebietet, dass man nicht alles ausreizt, was zu gehen scheint. Gegenüber anderen Religionen gibt es oft – politisch korrekt - eine deutlich respektvollere Haltung.

Heute sind auch führende Kirchenmänner Fußballfans. War diese Verbindung immer so? Oder gab es schon mal Gegensätze zwischen katholischer Kirche und Fußball?

Sowohl als auch. In England, wo der Fußball herkommt sind heutige Clubs der Premier League aus kirchlicher Jugendarbeit entstanden: FC Liverpool, FC Everton, Tottenham Hotspurs oder Aston Villa zum Beispiel. In Deutschland ist es historisch ein spannendes Phänomen, dass die katholische Kirche unter dem Dach der Deutschen Jugendkraft, der DJK, bis 1934 eigene Fußball-Ligen betrieben hat.

Wie war es denn in Dortmund?

Da hatten die Mitglieder der Jünglingssodalität der Kirchengemeinde Heilige Dreifaltigkeit Stress mit ihrem Präses. Kaplan Hubert Dewald war das Fußballspiel am Sonntag ein Dorn im Auge. Es konkurrierte mit der Andacht am Nachmittag und mit der Einbindung ins Familienleben. Daher hat er gegen solche Fußballaktivitäten polemisiert. Die Jugendlichen haben dann den BVB gegründet, und Borussia Dortmund ist heute einer der erfolgreicheren Vereine. Spaßeshalber habe ich schon gesagt: Hätte sich aus dieser Initiative die DJK Heilige Dreifaltigkeit entwickelt, würden die nicht international spielen. Natürlich ist es immer wieder zu Zielkonflikten gekommen zwischen Andachten und dem Wunsch, Fußball zu spielen.

Wie lässt sich das lösen?

Es kommt auf das Geschick und die Fußballbegeisterung der Priester an, solche Konflikte auszuräumen. Als in Osnabrück in den 1960-er Jahren der TuS Haste besonders erfolgreich war, hat gegen den Willen des Pfarrers der spätere Domkapitular Norbert Friebe die Andacht so verlegt, dass beides ging. So konnte er mit den Jungs das Fußballspiel besuchen, und anschließend haben sie das bei ihm in der Wohnung die Begegnung reflektiert und gemeinsam ausklingen lassen. Da muss man relativ flexibel sein.

Wie haben sich die Päpste verhalten?

Papst Pius X. hat dem Sportbetrieb in der Kirche Tür und Tor geöffnet. Was man sich heute gar nicht vorstellen kann: In den Vatikanischen Gärten gab es von 1908 bis 1910 Sportveranstaltungen mit bis zu 8.000 Jugendlichen – darunter auch Fußballspiele.