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Meinungsstarke Zeiten, findet der Journalist Lothar Schröder. Auch in der Kirche prallen Positionen unversöhnlich aufeinander. Was sich ändern muss.
Was ist, wenn der andere recht hat? Oder zumindest: Wenn die Meinung des anderen einem zu denken gibt. In so meinungsstarken Zeiten wie diesen wäre das schon allerhand. Auch und vielleicht gerade im kirchlichen Leben, in dem verstärkt Kommunikation mittels Petitionen betrieben wird.
Aber warum soll es in der Kirche anders zugehen als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, in denen der Kampf um die Meinungshoheit tobt? Die Antwort lautet verblüffend simpel: Weil Kirche eben anders ist oder sein sollte! Weil Kirche sich als Gemeinschaft versteht und darin konstituiert.
Unversöhnliche Synodalversammlungen
Der Autor
Lothar Schröder, 1963 in Duisburg geboren, leitet die Kulturredaktion der „Rheinischen Post“. Er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaften an der Universität Duisburg sowie in Essen. Lothar Schröder ist Vorstandsmitglied der Anton-Betz-Stiftung der „Rheinischen Post“.
Nirgends wird das anschaulicher als in der Kommunion. Die lateinische Wurzel des Wortes ist „communis“; es bedeutet „gemeinsam“, so wie unter „communicare“ „teilnehmen lassen“ und „gemeinsam machen“ zu verstehen ist. In der Kommunion, im gemeinsamen Mahl, entsteht Gemeinschaft und wird sichtbar. Eine tiefere Verständigung gibt es kaum.
Wir alle sind meinungsstark oder sollten es doch wenigstens sein, um uns zu behaupten und das zu vertreten, was uns richtig und wertvoll erscheint. Fünf Synodalversammlungen habe ich beigewohnt, bei denen in zahllosen Beiträgen und Abstimmungen um einen Zukunftsweg der Kirche viele Stunden gerungen wurde. Jeder brachte seine Ideen mit und seine Vorstellungen, wirklich gemeinschaftlich oder gar versöhnlich ist es aber kaum zugegangen.
Meinungsfreudig und selbstgerecht
Ja, ja, die anderen. Und wir, die Beobachter in den hinteren Reihen, die Journalisten? Auch wir haben viel kommuniziert, haben kommentiert, unsere Meinung vertreten. In den meisten Fällen fühlen wir uns auf der richtigen Seite und oft sehr gerecht.
Dass wir auch selbstgerecht sein könnten, kommt uns – Hand aufs Herz – weit seltener in den Sinn. Die Versammlungen des Synodalen Weges waren Feste der Meinungsfreude.
Die Aussage des Nächsten „retten“
Die Probleme sind alt und bekannt, ihre weisen Lösungsvorschläge aber auch. So fordert Ignatius von Loyola, dass jeder gute Christ bereiter sein müsse, die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen.
Das schließt keine Meinungsverschiedenheit aus, zielt aber auf eine rücksichtsvolle, nicht verletzende Konfrontation. Und was für eine Aufgabe: die Aussage des Nächsten „zu retten“!
Es braucht „verstehende“ Kommunikation
Ähnlich zugewandt ist die Formulierung im Buch der Könige, wenn Salomo im Traum den Herrn bittet, ihm ein „hörendes Herz“ zu verleihen. Auf der Weltsynode in Rom gab es ein Gesprächsformat, bei dem nach jedem Wortbeitrag erst einmal eine Minute geschwiegen wurde, ehe der Nächste sprach. Um die gehörten Worte zu bedenken, zu verstehen, auf sich wirken zu lassen. Die Beteiligten sollen begeistert gewesen sein.
Bleibt dennoch die Frage, ob wir zu einem „hörenden Herzen“ nicht nur willens, sondern überhaupt fähig sind? Doch wer ist es dann, wenn nicht wir Christen? So viel steht für mich fest: Eine Kirche, deren Mitglieder es verlernen, verstehend und lernend miteinander zu kommunizieren, geht der Sinn für Gemeinschaft verloren.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.