Anzeige
Der Bamberger Bistumsleiter hatte 2025 den Fall Brosius-Gersdorf kommentiert. Wie er heute die Rolle des Christentums in der Öffentlichkeit sieht.
Die Kirche muss sich auch politisch äußern, darf sich aber nicht einzelnen Parteien zuordnen – davon zeigt sich Bambergs Erzbischof Herwig Gössl überzeugt. „Sie muss unabhängig von Parteien zu Themen Stellung beziehen und ihre Position verdeutlichen“, sagte Gössl gegenüber katholisch.de. Dennoch gebe es inhaltliche Überschneidungen „mal mit der einen, mal mit der anderen Partei“.
Ein Feld, in dem das aktuell angezeigt ist, ist nach Worten des Erzbischofs die Debatte um Krieg und Frieden. Dabei stellten sich grundlegende ethische Fragen. Auch beim Thema Solidarität in der Gesellschaft müsse die Kirche ihre Stimme erheben. Sie könne zudem Orientierung geben, ohne selbst Teil einer Polarisierung zu werden, indem sie Grundlagenarbeit leiste: „Entscheidend ist, Menschen zu befähigen, einfache Muster und Vorurteile zu durchschauen – etwa pauschale Aussagen über Migranten.“
Kirche soll bestimmte Themen wachhalten
Darüber hinaus müsse die Kirche Themen wachhalten, die bisweilen in den Hintergrund gerieten, so Gössl. Als Beispiele nannte er die Bewahrung der Schöpfung und den Schutz ungeborenen Lebens. Auch wenn die Kirche durch viele Austritte zahlenmäßig kleiner werde, verliere sie dadurch nicht an Wirksamkeit: „Im Gegenteil: Große Strukturen können auch träge machen. Deshalb bin ich mit Blick auf den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche in Deutschland nicht hoffnungslos.“
Gössl erklärte, die Debatte um die Nominierung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht im vergangenen Sommer habe bei ihm einen Lerneffekt ausgelöst: „Man muss seine Worte heute noch genauer wählen, und manche Worte sollte man möglicherweise sogar ganz vermeiden, weil einzelne Begriffe oder Satzfragmente schnell Reaktionen hervorrufen, die mit dem Gesagten wenig zu tun haben.“ In einer Predigt, in der er sich damals geäußert hatte, habe er niemanden persönlich angreifen wollen. „Aber es wurde so verstanden.“