Lange Jahre Professor an der Universität Münster

Kirchengeschichtler Arnold Angenendt wird 85 Jahre alt

Auf niederrheinischen Kartoffeläckern können große Denker ihren Anfang nehmen. Arnold Angenendt ist einer. Mit seiner schwächlichen Statur tauge er nicht zur Landwirtschaft, urteilten die Eltern. Also radelte die Mutter 1945 ins acht Kilometer entfernte bischöfliche Internat Gaesdonck und meldete den Filius an. Ein Fahrradausflug mit Folgen für die kirchengeschichtliche Forschung: Aus dem schmächtigen Asperdener Bauernsohn entwickelte sich einer der renommiertesten Kirchenhistoriker der Gegenwart. Am 12. August wird Arnold Angenendt 85 Jahre alt.

Zwei Dinge zeichnen ihn aus: Zum einen sein enormer Fleiß. Akribisch ging er Quellen nach, brachte verschüttete Fakten ans Tageslicht. Es ist der Fleiß desjenigen, der sich alles selbst erarbeiten musste – als erster Akademiker einer alten Bauersfamilie. Hineingeboren 1934 in eine, wie er selber sagt, „volkskatholische und doch schon angefragte Dorfwelt“.

Klare Gedankenführung

Es war dieses Umfeld, das zum Zweiten führte, das Angenendt kennzeichnet: seine klare Gedankenführung. Selbst kleinteilige Spezialforschung kann er allgemeinverständlich erklären und in größere Zusammenhänge stellen. Angenendts mitreißende, humorvolle Rhetorik füllte Hörsäle wie Kirchenbänke. Angenendt war Kult und als Lehrer unnachgiebiger Antreiber zum selbstständigen Denken.

Münster ist Angenendts Basisstation: Dort wurde er 1963 zum Priester geweiht und hatte an der Universität von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1999 den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte inne. Dort hat er im Anschluss am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ weiter geforscht. Angenendts Hauptthema und Leidenschaft ist die Geschichte der Religiosität im Mittelalter – so auch der Titel seines 1997 erschienenen Hauptwerks.

Anknüpfungen an die allgemeine Geschichtsschreibung

Größte Leistung Angenendts ist es, mentalitäts- und sozialgeschichtliche Ansätze, wie sie von der französischen „Annales-Schule“ und der „Nouvelle histoire“ entwickelt wurden, für die kirchengeschichtliche Forschung fruchtbar zu machen. Wenn die Kirchengeschichte heute anschlussfähig für die Allgemeingeschichtsschreibung ist, dann sei das wesentlich Angenendts Verdienst, erklärt die Bonner Kirchenhistorikerin Gisela Muschiol, die bei ihm habilitierte.

Angenendt fragt nach dem Christentum als einer Organisationsform des Geistes, wie Frömmigkeit entstand und welchen Einfluss Religion auf die Entwicklung der Gesellschaft nahm. 2007 erschien sein viel beachtetes Buch „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert.“

Inquisition ebnete den Weg zum Rechtsstaat

Das Werk räumte ebenso gründlich wie überzeugend mit prominenten Vorurteilen gegen das Christentum auf. Es legt dar, dass die Inquisition de facto ein Schritt in Richtung Rechtsstaatlichkeit war und in den 317 Jahren ihres Bestehens lediglich 97 Todesurteile fällte. Selbst die der kirchlichen Lobhudelei unverdächtige Tageszeitung „taz“ zollte der Publikation hohe Anerkennung.

In Debatten zum Messritus war Angenendt durch seine Studien zur Messe im Mittelalter ein gefragter Gesprächspartner. Gegenüber konservativen Vertretern vertrat er die liberale Linie: Die Liturgie sei nicht vom Himmel gefallen, als solche nie der Zeit enthoben und keinesfalls unabänderlich. 2015 erschien von Angenendt „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum“; darin fordert er, die Sinnhaftigkeit des Pflichtzölibats ebenso auf den Prüfstand zu stellen wie die katholische Sexuallehre.

Inschrift auf Grabplatte steht fest

Angenendt, der inzwischen an Parkinson leidet, hat seine Grabplatte bereits anfertigen lassen. Die Inschrift lautet: „Hier ruht einer, der fortwährend gutachten musste. Mögest du, oh Herr, ihn nicht schlecht achten.“