Theologe: Es gibt auch verheiratete Priester

Kirchenhistoriker Hubert Wolf für Abschaffung des Pflichtzölibats

Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf plädiert dafür, die Ehelosigkeit als Verpflichtung für katholische Priester abzuschaffen. In einem Interview mit der Bistumszeitung „Kirche+Leben“ sagte Wolf, zum Zölibat gebe es keine einzige Begründung, „die von den Anfängen bis heute durchgängig stichhaltig war“. Der Wissenschaftler der Universität Münster hat jetzt ein Buch mit 16 Thesen zum Zölibat veröffentlicht.

Nach Ansicht von Wolf wird gerne vergessen, dass es neben zölibatär lebenden katholischen Priestern auch verheiratete Priester gibt – „ganz selbstverständlich verheiratete Priester in den katholischen Ostkirchen sowie konvertierte evangelische Pfarrer, die mit Dispens die katholische Priesterweihe empfangen habe.

„Die Situation ist einfach nur noch brutal“

Über Jahrhunderte sei behauptet worden, der Priester müsse kultisch rein sein, wenn er vor den Altar trete, erklärte der Kirchenhistoriker. Diese „archaische Vorstellung“ sei mehr als 1500 Jahre lang als Begründung für die Ehelosigkeit der Priester angeführt worden. Im 20. Jahrhundert habe es dann einen klaren Bruch in der Begründung gegeben, sagte Wolf. So habe eine römische Kongregation 1974 über die Ehelosigkeit von Priestern geschrieben: „Nicht zu ihren Gründen gehört die Idee der rituellen Reinheit.“

Zum Priestermangel sagte Wolf: „Nicht nur bei uns in Deutschland, sondern besonders in Lateinamerika ist die Situation einfach nur noch brutal.“ So könnten in Gläubigen etwa in Brasilien oft nur einmal im Jahr die Heilige Messe feiern. Die Eucharistie sei jedoch „Quelle und Höhepunkt katholischen Lebens“, wie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) betont habe. „Wenn die Messe nicht mehr gefeiert wird, gibt es kein katholisches Leben mehr“, betonte der Theologe. Man brauche sich nicht darüber zu wundern, dass in Brasilien Millionen von Katholiken zu den Evangelikalen wechselten.

„Kirche sollte Ursache der Systemkrise beseitigen“

Wolf sprach sich für weitere Schritte aus, um die „Systemkrise“ in der katholischen Kirche zu beseitigen. Dazu gehöre die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, Änderungen in der Sexualmoral und mehr Rechte für Frauen. Der Kirchenhistoriker verwies auf sein Buch „Krypta“, in dem er herausgearbeitet habe, dass es in der Tradition Beispiele dafür gebe, Frauen mit denselben rechtlichen Vollmachten wie jene von Bischöfen zu versehen. „Wenn die Kirche ihre Tradition ernst nimmt, sollte sie dringend beginnen, strukturelle Entscheidungen zu treffen und Ursachen der Systemkrise zu beseitigen“, forderte Wolf.

Der Wortlaut des Interviews mit Professor Hubert Wolf steht in Ausgabe 29/30 der Bistumszeitung „Kirche+Leben“. Einzelbestellungen sind auch als E-Paper auf der Seite unseres Vertriebs möglich.