Flüchtlingskinder in katholischenn Tageseinrichtungen

Kitas als sicherer Ort nach schrecklicher Flucht

854 Mädchen und Jungen aus Flüchtlingsfamilien wurden bis Ende 2016 von 249 katholischen Kindergärten im NRW-Teil des Bistums Münster aufgenommen. Das geht aus einer Statistik des Diözesan-Caritasverbands hervor. Auf der aktuellen Warteliste stehen demnach 500 Kinder. Zwei Kitas in Ahaus und Dülmen haben bereits erste Erfahrungen gesammelt.

„Kinder dieser Erde sind sehr ähnlich überall. Hoch im Norden, tief im Süden, auf dem ganzen Erdenball.“ Den Refrain des bekannten Kinderliedes kennen nicht nur Leonie, Moritz und Alexa. Wird gesungen, sind auch Fahrije, Fleur und Leyla mit dabei. Dabei stammen die Kinder mit den für deutsche Ohren fremd klingenden Namen aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan und gehören zu den elf Flüchtlingskindern, die im Dülmener Familienzentrum St. Anna aufgenommen worden sind. „Das hat uns bereichert und weitergebracht“, sagt Marina Hardt, die den Kindergarten des Familienzentrums mit über 70 Mädchen und Jungen leitet.

Große Sprachbarrieren

Mia (links) und Alyda. | Foto: Norbert Ortmanns
Von Sprachbarrieren ist zwischen Mia (links) und Alyda keine Spur. | Foto: Norbert Ortmanns

Wie in Dülmen, so war allerdings auch in der Ahauser Kindertagsstätte St. Josef zunächst die Sprachbarriere das größte Problem zwischen den Flüchtlingsfamilien und den Erzieherinnen. Das bestätigt in Ahaus auch eine Mutter aus Eritrea, deren ältester Sohn für ein Jahr im Kindergarten gewesen ist. „Anfangs mussten wir uns noch mit Händen und Füßen verständigen“, lacht die Mutter. Heute könne ihr Sohn so gut Deutsch, dass er sogar eingeschult werden konnte. „Selbst ihre zweijährigen Zwillinge, die jetzt bei uns sind, haben schon gut Deutsch gelernt“, sagt Kita-Leiterin Marita Leuders.

Sie bekräftigt, dass Kinder anderer Herkunft für die Erzieherinnen katholischer Kindergärten nichts Neues seien. „In St. Josef hat die Hälfte Migrationshintergrund“, sagt sie über die „Normalität des Alltags“. „Das hat hohen erzieherischen Wert“, ergänzt Gruppenleiterin Christiana Könning. Es sei gut, dass die Mädchen und Jungen schon im Kindergarten auf eine bunte und vielfältige Gesellschaft vorbereitet würden. Kinder hätten keine Hemmungen und gingen vorurteilsfrei miteinander um. Tatsächlich sieht man in Ahaus und Dülmen Flüchtlings- und Migrantenkinder Hand in Hand mit deutschen Kindern durch die Einrichtung spazieren.

Spielend zu neuer Lebenserfahrung

Im gemeinsamen Spiel werden Lebenserfahrungen ausgetauscht: So wird in Ahaus gerade ein Spielzeug-Zoo mit Tieren aus aller Welt zusammengestellt, die viele afrikanische Kinder schon in freier Wildbahn gesehen haben. In Dülmen bauen fünfjährige Jungen aller Couleur unter Anleitung von Erzieherin Sabrina Nikolaus gemeinsam aus Holz ein großes, verzweigtes Straßennetz. Am Ende treffen sich die Verkehrswege aus allen Himmelsrichtungen bei einem Kinderglobus, der in der Mitte des Raumes steht.

„Kulturelle Unterschiede“ fallen Gruppenleiterin Nikolaus in Dülmen auf die Frage nach möglichen Problemen im Umgang mit den Flüchtlingsfamilien ein. So hätten manche Väter irritiert auf die vorsichtige Frage reagiert, ob sie selbst einmal ihr Kind wickeln wollten. „Das ist in vielen Ländern wohl noch Frauensache“, schmunzelt Marina Hardt. Manche Kinder hätten beim Frühstücksbuffet anfangs ihren Teller viel zu voll gepackt, weil sie in der Heimat Hunger gelitten hätten.

Trauma-Erfahrungen

„Trauma-Erfahrungen“ der kleinen Mädchen und Jungen vermuten die Erzieherinnen hinter manchen Verhaltensweisen der ihnen anvertrauten Kinder, die zugleich wissen, „dass nicht jedes ängstliche Kind gleich traumatisiert ist“. Bei Kindern seien zudem Trauma-Symptome eher unspezifisch. Durch Fortbildungskurse sind mittlerweile alle Erzieherinnen in Ahaus und Dülmen auf Traumatisierungen vorbereitet. „Heute sind wir besonders auf nonverbale Signale sensibilisiert und schauen auch, wie es den Eltern im Kontakt mit uns geht“, betont Jutta Brüggemann, Verbundleiterin der Kindertageseinrichtungen in Ahaus.

Kaplan Thaddeus Eze. | Foto: Privat
Kaplan Thaddeus Eze. | Foto: Privat

Der Kaplan der dortigen St.-Mariä-Himmelfahrt Gemeinde stammt selbst aus Nigeria und berät viele der Flüchtlingsfamilien. „Manche der Kinder mit Fluchterfahrungen sind nicht so traumatisiert, wie beispielsweise ihre Eltern“, sagt Thaddeus Eze. Sie schlössen schnell und ohne Vorurteile neue Bekanntschaften und lebten eher in Gegenwart und Zukunft, als in der Vergangenheit. So steige die gegenseitige Akzeptanz und die Familien fühlten sich schnell in Deutschland integriert.