Martin Schmitz über die Gesellschaft angesichts eines Großbrands

Kommentar: In Notre-Dame wird auch Geld verbrannt

Notre-Dame in Flammen. Ebenso beeindruckend wie die Bilder dieses Feuers findet Redakteur Martin Schmitz die Wirkung des Brandes auf die Menschen. Mit manchen Reaktionen wird ein Bogen überspannt, meint er.

Diese Bilder werden mir so schnell nicht aus dem Kopf gehen: Notre-Dame in Flammen. Aber fast genauso beeindruckend ist für mich, welche Wirkung dieses Feuer auf die Menschen hat. Ganz Frankreich, ganz Europa, fast die ganze Welt scheint zusammenzurücken. Solidaritäts- und Beileidsbekundungen auf den höchsten politischen Ebenen – in den sozialen Netzwerken sowieso. Ein Medienecho, das seinesgleichen sucht.

Bereits zwei Tage später sind für den Wiederaufbau Spenden in Höhe von 800 Millionen Euro zugesagt worden. Wie groß das globale Interesse am schnellen Wiederaufbau ist, betont auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der die Menschen in Nordrhein-Westfalen zur finanziellen Unterstützung aufruft. Auch das Erzbistum Berlin will, dass seine Pfarrgemeinden die Osterkollekte zumindest teilweise für den Wiederaufbau von Notre-Dame spenden. An diesem Punkt ist für mich aber der Bogen überspannt.

Wiederaufbau: Ja. Aber zu welchem Preis und mit welcher Priorität?

Ja, mit dem Feuer am 15. April 2019 ist eines der bedeutendsten Gebäude unserer europäischen, unserer christlichen Identität zerstört worden. Zumindest fast. Viele Menschen, die diese Kirche einmal besucht haben, sind emotional betroffen – ganz zu schweigen von denen, die dort regelmäßig Gottesdienste besuchten. Einen Wiederaufbau halte ich daher für richtig. Aber zu welchem Preis und mit welcher Priorität?

Ich kann niemanden zwingen, wofür er oder sie Geld spenden soll. Auch viele von denen, die jetzt für den Wiederaufbau von Notre-Dame spenden, geben sicherlich auch Geld für humanitäre Zwecke. Aber müssen Kirche und Staat in Deutschland ihre „Mitglieder“ zu Spenden für den Wiederaufbau eines Gebäudes aufrufen? Zur Erinnerung – vielleicht auch für Generalvikar Manfred Kollig in Berlin: Derzeit läuft die Misereor-Fastenaktion, die Jugendlichen in El Salvador helfen will.

Christentum ruft zum Einsatz für Menschen auf – nicht für Gebäude

Das Christentum steht für andere Werte. Werte, die zum Einsatz für Menschen aufrufen – nicht zum Einsatz für ein Gebäude. Ein Gebäude zumal, das die meisten Menschen in ihrem Leben niemals sehen werden. Von dessen Existenz viele noch nicht einmal wissen, da ihnen – abgesehen von einer Lebensgrundlage – auch der Zugang zu Informationsquellen fehlt.