Marie-Theres Himstedt zum Wirbel rund um eine Weihnachtsfeier

Kommentar: Schule in Lüneburg hat eine Chance vertan

Was ist in Lüneburg los? Ist eine Weihnachtsfeier aus Rücksicht auf Nicht-Christen verschoben oder gar abgesagt worden? In jedem Fall hat die Schule mit ihrer Reaktion eine Chance vertan, meint unsere Redakteurin.

Der NDR berichtet, an einem Gymnasium in Lüneburg sei die Weihnachtsfeier als freiwillige Veranstaltung in den Nachmittag verlegt worden. Der Grund: Die religiösen Gefühle von Nicht-Christen sollten nicht verletzt werden. Eine muslimische Schülerin hatte laut NDR im vergangenen Jahr argumentiert, sie wolle keine christlichen Lieder im Unterricht singen. Der Schulleiter dementierte am Dienstagabend. Er habe lediglich darum gebeten, das Singen von Weihnachtsliedern im Pflichtunterricht sensibel zu handhaben. Der Vorfall macht seit 48 Stunden im Internet die Runde.

Er löst einen wahren Gefühlssturm in mir aus. Er macht mich wütend und traurig, hilflos – aber auch froh. Froh deshalb, weil in unserem Land Rücksicht auf Minderheiten genommen wird und diese gehört werden. Traurig allerdings auch, weil ich die Entscheidung der Schule, die auf ihrer Internetseite mit ihrer 600-jährigen Tradition wirbt, als vertane Chance für Friedensarbeit betrachte. Vielleicht hätte man die Situation zu einem interreligiösen Austausch nutzen können – über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Islam, Christentum und anderen Religionen reden können, über die Bedeutung christlicher und muslimischer Feste und das „Fest der Liebe“.

Auch Muslime können zu Weihnachten etwas feiern

Eine schöne Geschichte berichtete mir meine Schwägerin. In einem westfälischen Krankenhaus wurde in den 1970er Jahren als einem der ersten ein Gebetsraum für Muslime eingerichtet. Immer zu Weihnachten kam eine Delegation der muslimischen Gemeinde mit einem Blumenstrauß in die Krankenhauskapelle und hat der katholischen Gemeinde zur Geburt Jesu gratuliert. Jesus ist im Islam ein Prophet.

Die Schülerin hätte während der Weihnachtsfeier die Geburt des Propheten Jesus feiern können. Es fehlte wohl an Aufklärung und Unterweisung durch einen liberalen Imam. Dieser Vorfall zeigt auch, wie wichtig Bildungseinrichtungen wie das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster sind.

Leider wird dieser Vorfall noch mehr Wähler der hetzerischen AfD zutreiben. Insofern bedrückt mich die Entscheidung der Schulleitung und des Elternrates und der danach entstandene Beschimpfungs-Sturm im Netz umso mehr, der alle Muslime über einen Kamm schert.