Warum die Zahlen von 2018 nicht überraschen

Kommentar zu Kirchenaustritten: Wo bleibt der Alarm?

Wieder einmal katastrophale Zahlen: 216.078 Kirchenaustritte 2018 in Deutschland, in Teilen des Bistums Münster mit einer Steigerung bis zu 45 Prozent. "Und jetzt?", fragt Markus Nolte in seinem Kommentar.

Überraschen können die neuen Austrittszahlen nicht, im Gegenteil. Sie sind sogar ein bisschen weniger schlimm ausgefallen, als es sich bei einer stichprobenartigen Umfrage von „Kirche-und-Leben.de“ Anfang des Jahres noch abzuzeichnen schien. Und sie sind sogar noch etwas niedriger als 2014, das Jahr des „Tebartz-Skandals“; damals erklärten 11.859 Menschen im Bistum Münster ihren Austritt aus der katholischen Kirche – rund 400 mehr als 2018.

Dennoch: Bundesweit ist die Zahl katastrophal, im Bistum Münster ist die Steigerung um 31,5 Prozent sogar noch etwas höher. Eklatant angewachsen sind die Austritte im Kreisdekanat Borken: 45 Prozent ist eine Steigerung, die allemal für dieses einst „katholische Kernland“ genannte Gebiet einem massiven Erdbeben gleichkommt. Gut denkbar, dass dort der Missbrauchsskandal um den früheren Rheder Kaplan Heinz Pottbäcker besonders zu Buche geschlagen hat.

Eine Million Austritte in fünf Jahren

Auch darum: Überraschen können die Austrittszahlen nicht. Alarmieren müssen sie dennoch. Wenn in den vergangenen fünf Jahren rund eine Millionen Menschen der katholischen Kirche den Rücken kehren, ist das schlichtweg ein Desaster für eine Gemeinschaft, die Menschen von ihrer Botschaft überzeugen will. Es kann niemanden in dieser Gemeinschaft unberührt lassen, wenn offenbar diese Botschaft nicht mehr so nah an die Menschen herankommt, dass sie sie berührt.

Was steht dazwischen? Was hat die Kluft so groß gemacht? Wer hat sich von wem entfernt? Und warum? Die Antworten sind so klar wie sie tragischerweise fast schon gewohnt sind: Die Kirche hat durch Missbrauch von Menschen, von Kindern, durch Missbrauch von Macht und Amt, von Moral und Lehre einen Großteil ihrer Glaubwürdigkeit verspielt.

Vielleicht, womöglich, eventuell

Es ist gut und richtig, dass sie jetzt zarte Reform-Signale sendet: Die Bischofskonferenz will einen Synodalen Weg beschreiten, und Bischof Felix Genn erklärt als erster Bischof in Deutschland seine Bereitschaft zur Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, der auch ein Bischof unterstehen soll. Und, wer weiß, vielleicht kommt ja bei der Amazonas-Synode im Herbst im Vatikan auch etwas Bewegung in die Zulassungsbedingungen für Priester.

Aber: Vielleicht, womöglich, eventuell, wer weiß – es ist alles noch reichlich vage, verhalten und vorsichtig, wenn man die Wucht der Zahlen und die Wucht der Reformforderungen etwa der erst 2019 so richtig aktiv gewordenen Aktion „Maria 2.0“ dagegen stellt. Das ist alles immer noch zu viel Sorge um die Kirche statt Sorge um die Botschaft und die Menschen. Das ist alles immer noch zu wenig Einsatz dafür, die Kluft kleiner zu machen (Stichwort Macht und Amt) und die Hindernisse aus dem Weg zu räumen (Stichwort Zulassungsbedingungen und Sexualmoral).

Wie gesagt: Überraschen können die Zahlen nicht. Alarmieren müssten sie definitiv. Tun sie aber nicht. Was Teil des Problems ist.