Zur Entscheidung des Bundestags über Widerspruchs- oder Zustimmungslösung

Kommentar zur Organspende: Wenn der Staat an die Nieren geht

Wird künftig jeder automatisch zum Organspender? Morgen entscheidet der Bundestag darüber. Doch es geht um weit mehr als um weniger Bürokratie und mehr Spenderorgane für Schwerkranke, meint Markus Nolte, stellvertretender Chefredakteur von "Kirche-und-Leben.de" im Kommentar.

Wenn es um Leben und Tod geht, helfen nüchterne Zahlen, mit dem hochemotionalen Thema umzugehen. Zumal die nüchternen Zahlen im Fall der Organspende besonders ernüchtern: 9500 Menschen in Deutschland stehen zurzeit auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Nur ein Zehntel so groß ist die Zahl der Organspender: 955 waren es zuletzt. 901 Personen auf der Warteliste sind 2018 gestorben. 84 Prozent der Bundesbürger stehen der Organspende positiv gegenüber. Aber nur 39 Prozent haben ihre Entscheidung im Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung dokumentiert.

Zusammengefasst: Die eigentlich positive Einstellung der Bundesbürger zur Organspende hilft weiterhin zu wenigen schwerstkranken Patienten: Es gibt zu wenig Spender.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie reichen von zu wenig Bereitschaft der Krankenhäuser, den damit verbundenen Aufwand einzugehen, bis zum schwachen Fleisch des ansonsten geistig willigen potenziellen Organspenders, schlicht und ergreifend seine Bereitschaft zu dokumentieren (wofür übrigens sogar ein ernstes, waches Gespräch mit den engsten Angehörigen genügen würde).

Verfügungsgewalt über meinen Körper

Dass der Bundestag sich des Themas mit seiner morgigen Entscheidung annimmt, ist im Prinzip gut, weil er öffentliches Bewusstsein schafft. Und natürlich muss alles dafür getan werden, damit sich mehr Menschen als Organspender zur Verfügung stellen. Christlich-moralisch ist die Organspende selbstverständlich nichts anderes als dies: ein echtes Werk der Nächstenliebe, sogar über den Tod hinaus.

Doch der Plan von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), alle grundsätzlich zum Organspender zu machen – es sei denn, man widerspricht aktiv –, führt vermutlich nicht zu den gewünschten mehr Organspenden, stattdessen zu einer hochproblematischen Umkehrung der Werte: Von Spende kann dann keine Rede mehr sein, vielmehr hätte der Staat vor mir das Recht, über meinen Körper zu verfügen. Eine unerträgliche Vorstellung! Hilfreicher wäre es, jeder würde immer wieder gebeten, sich als Organspender registrieren zu lassen – einmal im Jahr vom Arzt oder von der Krankenkasse.