Ordensmann kontrolliert, ob die Steyler-Bank ethisch wirtschaftet

Konrad Liebscher - Vom Missionar zum Bank-Experten

Geht das überhaupt: Eine Bank und ein katholischer Orden wie die Steyler? Pater Konrad Liebscher, Provinzökonom und Vorsitzender des Beirates der Steyler Ethik-Bank, muss lächeln. „Wenn man an die Bank nur im Sinne von Geldgeschäften denkt, ist diese Kombination problematisch“, sagt der 64-jährige Pater. Mit seinem langen, weißen Bart kann man sich den Geistlichen eher in der Mission vorstellen als in einem Führungsgremium einer Bank. Der Beirat und er als Vorsitzender müssen die Geschäfte des Vorstandes kontrollieren. Zum Beispiel durch einen eigenen Risikomanager. Durch einen Stresstest überprüft er, ob die Bank im Sinne der Kunden geschützt ist. „Was passiert zum Beispiel, wenn der Leitzins plötzlich um zwei Prozent erhöht wird? Müssen wir dann Papiere, die wir zu einem ungünstigen Zinssatz gekauft haben, zugunsten besser verzinster Anlagen verkaufen?“ Schwierige Fragen.

Doch Liebscher geht es in erster Linie um die Besonderheiten des Steyler Geld-Institutes. „Sicher, wir sind auch eine Bank“, sagt er. „Doch wir haben als Bank strenge ethische Auflagen.“ Wie aus dem Eff-Eff zählt er sie auf: Die Bank darf keine Werte erwirtschaften, die durch den Handel mit der Rüstungsindustrie, durch Pornographie oder durch den Verkauf von Suchtmitteln erzielt werden.

Einblicke ins Geldgeschäft

Liebscher lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Steyler Ethik-Bank investiert unter sozialethischen und nachhaltigen Aspekten. Mit dem Institut „Oekom Research“ , das nach eigenen Angaben zu den weltweit führenden Anbietern von Informationen über die soziale und ökologische Darstellung von Unternehmen, Branchen und Staaten zählt, hat sich die Steyler Bank darauf spezialisiert, Unternehmen zu bewerten. Am Schalter oder am Telefon gibt die Bank ihre Erkenntnisse an die Kunden weiter.

„Es geht nicht nur darum zu kontrollieren, wie benehmen sich Unternehmen hier in Deutschland, sondern wir wollen auch das Verhalten im Ausland beobachten. Wir wollen wissen, welche Folgen von Produkten der Firmen ausgehen“, sagt Liebscher. Zum Beispiel, ob Pharma-Unternehmen in der Embryonenforschung tätig sind.

Chef des Aufsichtsrates

Seit einem Jahr ist Liebscher Vorsitzender des Beirates der Steyler Bank, was mit dem Aufsichtsrat in anderen Banken vergleichbar ist. Einblicke in die Tätigkeit des Steyler Geldinstitutes hat er schon seit 1999. Damals wurde er als Missionsprokurator der Deutschen Ordensprovinz Mitglied des Bank-Beirates.

Bis 2016 behielt er diese Aufgabe. In der Hoffnung, dass er noch einmal in die Mission nach Mozambique gehen durfte. „Was mir leider nicht gewährt wurde“, meint er.

Seelsorger in Goch

Nachdem er knapp zwei Jahre als Pfarrer in der Gocher Seelsorge gearbeitet hat, berief ihn die Ordensleitung im vergangenen Jahr zum Provinzökonom. Denn sie hegte den Wunsch, dass Liebscher wieder Aufgaben in der Provinzverwaltung übernahm. Was nicht verwundert, sieht man sich seinen Werdegang an.

„Fremde Menschen und fremde Länder haben mich schon als Neunjährigen ins Gymnasium nach Steyl gezogen“, erinnert er sich. Die Aussicht, Not leidenden Menschen umfassend helfen zu können, haben ihn für die Mission begeistert. Liebscher stammt aus Recklinghausen. In Bochum studierte er Wirtschaftswissenschaften. „Wie kann man durch wirtschaftliche Entwicklung die Länder unterstützen?“, fragte er sich. Die Wissenschaft blieb ihm zu theoretisch.

In Angola verhaftet

Er studierte Theologie, wurde zum Priester geweiht und legte die ewigen Gelübde ab. 1987 ging er nach Angola und lebte dort neun Jahre als Missionar. Um sich für die Ärmsten zu engagieren, fuhr er in seinem Wagen Plakate mit Sprüchen wie „Löhne, warum seid ihr so niedrig?“ spazieren, wurde prompt verhaftet, verhört und von der Außenwelt abgeriegelt.

Der Vorwurf: Putschversuch und Spionageverdacht. Vier Tage wurde er gefangen gehalten. Dann folgte der Prozess. Der Orden hatte einen guten Verteidiger bestellt, der den Putschversuch in einen Protest auf der Basis der katholischen Soziallehre verwandelte und die päpstlichen Enzykliken im Verfahren als Belege anführte. Das Urteil: Zwei Jahre auf Bewährung. Da die Zeit in Angola abgelaufen war, fuhr er nach Deutschland zurück und übernahm wenig später das Amt des Missionsprokurators in St. Augustin.

Missionare als Scouts

Die Erfahrungen in der Mission und die Jahre als Missionsprokurator haben Konrad Liebscher für das neue Amt geprägt: Liebscher ist ein engagierter Verfechter von ethischem Handeln und nachhaltigem Investment. Schon in Angola hat er gegen Korruption und soziale Ungleichheit gekämpft. Aus dieser Überzeugung setzt er sich gegen die Finanzierung von geächteten Waffen und die Unterdrückung der Bevölkerung ein.

Um diese Ziele auch als Vorsitzender des Beirates effektiv umsetzen zu können, setzt er die Missionare vor Ort als Scouts ein. Sie beobachten zum Beispiel, inwieweit Minenunternehmen Land aufkaufen und Einheimische zurückgedrängt werden. Oder sie kontrollieren die Umweltpraktiken von Unternehmen. „Die Missionare suchen dann den Kontakt mit den Unternehmen vor Ort und kritisieren deren Strategie“, sagt Liebscher.

Staudamm verhindert

Klar, die Steyler Ethik-Bank wird nur als kleine Nummer von den Unternehmen wahrgenommen. Doch ein Beispiel zeigt die zunehmende Beachtung der nachhaltigen und sozialethischen Ziele. In Brasilien hat ein japanischer Missionar mit der Urbevölkerung gegen den Bau eines Staudamms gekämpft. „Das Projekt wurde bisher noch nicht verwirklicht“, sagt Liebscher. „Auch weil die einheimischen Politiker merken, dass es Ausländer gibt, die kritisch die Entwicklung beobachten.“