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Taten in Wehnen bei Oldenburg sind Thema in Gameplay

Krankenmorde der Nazizeit – Computerspiel nähert sich dunklem Thema

Trailer "Spuren auf Papier". | Video: LVR Zentrum für Medien und Bildung MediaLab

  • In einem neuen Gameplay (Computerspiel) werden die Krankenmorde der Nazizeit aufbereitet.
  • Konkret geht es um Geschehnisse in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg.
  • Ein Caritas-Fachmann aus Vechta war skeptisch, ist aber beeindruckt von dem Spiel.
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Nein, hier wird nicht geballert. Nein, hier blitzt kein Mündungsfeuer und es fließt kein Blut. Nein, hier kann man nicht am Ende die Oberhand gewinnen über das Böse. Obwohl abgrundtief Böses das Thema ist. Nämlich die Morde an Kranken und Behinderten in der Nazizeit.

Die macht ein neues Computerspiel zum Thema: „Spuren auf Papier“. Es geht um die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg, in der von 1939 bis 1945 rund 1.500 Menschen getötet wurden. Gerade für ein Computerspiel würde man sich vielleicht wünschen, als Widerstandskämpfer dort einbrechen zu können, Wachen zu überwältigen, Kranke zu befreien.

Ernsthaft das Schicksal vermitteln

Matthias Warnking
Matthias Warnking, Geschäftsführer des Andreaswerks, das im Kreis Vechta mehr als 1.500 Menschen mit Behinderung betreut. | Foto: Franz Josef Scheeben

Überlegt habe man diese Möglichkeit schon, sagt Hannah Sandstede. Die Historikerin aus Oldenburg hat das Spiel mit Game-Designern der Firma „Playing History“ entwickelt, für die Gedenkstätte Wehnen, die die Erinnerung an diese Morde wachhalten will. Als sogenanntes „Serious Game“ bemühe es sich aber um eine ernsthafte und realistische Vermittlung des Themas. „Menschen aus Wehnen zu retten, war damals schlicht nicht möglich. Den Eindruck wollten wir selbst spielerisch nicht vermitteln.“

Kein Ausweg für Kranke in Wehnen – das kann Matthias Warnking bestätigen. Er ist Geschäftsführer des Andreaswerks, katholischer Träger der Behindertenhilfe im Kreis Vechta, bei dem 600 Mitarbeiter gut 1.500 Menschen mit Behinderung betreuen. Er war als Fachmann bei der Vorstellung des Spiels dabei. Aber er ist auch betroffener Angehöriger: Sein Onkel Albert kam 1941 in Wehnen ums Leben. Taubstumm geboren, war der als „erbkrank“ nach Wehnen verschleppt worden, misshandelt und schließlich unterernährt an Tuberkulose gestorben. 

Warnking hat in Dokumenten geforscht

Er ist diesem Schicksal nachgegangen, hat über die Gedenkstätte Wehnen die historischen Akten eingesehen und sich ein Bild davon gemacht, wie sein Onkel dort lebte. Er weiß: Die Einrichtung wurde bewusst massiv überbelegt, die Ernährung reduziert. Unterernährung und Krankheiten waren die Folge. Gut 1.500 Menschen sind deshalb in Wehnen gestorben.

So wie Warnking forschte, geht auch das neue digitale Spiel „Spuren auf Papier“ vor. Die Spieler können nach bestimmten Aktionen Dokumente lesen, die den Originalakten nachempfunden sind: Krankenblätter, Gesuche der Eltern, Gutachten der Ärzte. Das Schicksal einer fiktiven Anna Lorenz dient als Hintergrund, dem ihre Schwester Josefine Jahrzehnte später nachspürt und in einem Buch aufschreibt.

Zuerst sehr skeptisch

Dokumente
Nach dem Finden von Dokumenten erschließt sich Spielern das Schicksal der ermordeten Kranken in Wehnen. | Foto: playing history

Matthias Warnking war auch wegen seiner Erfahrung mit behinderten Menschen anfangs „sehr skeptisch“, ob das Medium Computerspiel geeignet sei, sich diesem Thema zu nähern, berichtet er im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. Inzwischen glaubt er, dass man jungen Menschen das Geschehen in Wehnen so gut nahebringen könne. „Es reicht natürlich nicht, einfach so zu spielen“, sagt er. „Das braucht Begleitung.“ Dafür stehe er mit seiner Erfahrung als Fachmann wie als Angehöriger bereit, etwa bei Schulprojekten.

Denn es liege ihm sehr daran, dieses Thema wach zu halten. „Ein Thema von hoher Aktualität“, wie er findet. Die Frage der Triage bei behinderten Corona-Infizierten auf Intensivstationen sei das beste Beispiel. 

Ab dem 27. Januar ist das Spiel online kostenlos spielbar (www.spurenaufpapier.de). Ein bewusst gewähltes Datum: Der 27. Januar ist der internationale Holocaustgedenktag.

„Serious Games“ (ernste Spiele) sind digitale Spiele, Informationen auf spielerische Art zu vermitteln. Die Grenzen zu reiner Lernsoftware sind meist fließend. Serious Games sind von Anfang an so konzipiert, aus der Perspektive eines Beobachters ein ernstes Thema den Spielern näherzubringen. Meist werden sie um Schulunterricht eingesetzt. Dabei kann es zum Beispiel um Umweltschutz, den Nahostkonflikt oder die Inklusion von Behinderten gehen. Oder wie hier um ein historisches Thema. In ganz Deutschland wurden ab 1939 über 72.000 kranke und behinderte Menschen im Rahmen der Aktion „T4“ ermordet, die nach dem Protest des Bischofs von Münster, Clemens-August von Galen, 1941 gestoppt wurde. Weitere 200.000 Menschen wurden Opfer der dezentralen Krankenmorde, mindestens 1.500 in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg.

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