Vorwürfe und Fakten-Check

Kreuzzüge, Hexenverbrennung, Inquisition: Wie schuldig ist die Kirche?

Ist die Geschichte des Christentums vornehmlich eine Skandal- und Kriminalgeschichte, geprägt von Grausamkeit und Verbrechen? Manche Autoren stellen es so dar und behaupten, das Christentum habe in seiner Geschichte eine „Blutspur“ von neun Millionen Opfern hinterlassen. Aber solche Behauptungen sind Polemik, „fake news“, wie heute gesagt wird. Die Zahlen stimmen nicht und andere Fakten auch nicht.

Aber es geht hier nicht darum, Tatsachen schön oder klein zu reden.  Und zweifellos haben sich in der Vergangenheit auch katholische Christen schuldig gemacht. Aber die historische Wahrheit ist erheblich diffenzierter als das, was als hartnäckiges Klischee und Beschuldigung verbreitet wird. In den vergangenen Jahren sind Historiker zu erstaunlichen Forschungsergebnissen gelangt, die anders sind, als viele zu wissen glauben. Darüber schreibt zum Beispiel der Münsteraner Kirchengeschichtler Arnold Angenendt ausführlich in seinem Buch „Toleranz und Gewalt“.

Zu den immer wieder erhobenen Vorwürfen gegen die Kirche drei Beispiele – mit Feststellungen, wie es wirklich war.

Hexenbrennung

Der Vorwurf: Die Kirche hat Millionen von Frauen als Hexen verbrannt.

Was ist da dran? Tatsache ist: Frauen und Männer sind als Hexen verbrannt worden. Nicht Millionen, sondern nach Angaben seriöser Wissenschaftler in ganz Europa etwa 50.000 in drei Jahrhunderten, etwa zwischen 1450 und 1750. Tatsache ist auch: Nicht die Kirche hat angebliche Hexen hingerichtet, sondern die weltliche Obrigkeit; ohne deren Justiz waren keine Prozesse möglich. Diese weltlichen Prozesse zielten immer auf die Todesstrafe, erzwungen durch Geständnisse unter der Folter.
Tatsache ist: Die Kirche hat dafür eine theologische Grundlage geliefert. Die Lehre vom Teufel ist uralt. Die Kirche hat lange gelehrt, ein frommer Christ könne wegen der Allmacht Gottes nicht von ihm als Person befallen werden. Bedeutende Theologen haben im Mittelalter dann die Vorstellung entworfen, es gebe ein Reich des Bösen, mit dem Menschen auf der Erde aktiv in Kontakt treten könnten. Aber auch da wurde der Vorwurf der Hexerei im Alltag noch als Aberglaube verworfen, wurden Hexenjäger aus manchen Bistümern ausgewiesen.

Tatsache ist: Zu Beginn der Neuzeit im 15. Jahrhundert wurde die Menschen in Nordeuropa durch einen Klimawandel mit Missernten und Hungernöten erschüttert. Hexen waren willkommene Sündenböcke – sie hatten zum Beispiel die Ernte angeblich verhext. Der Wahn begann und breitete sich aus, weil schon eine anonyme Anzeige reichte. Unter der Folter gaben die Angeklagten weitere angebliche Hexen an.

Tatsache ist: Papst Innozenz VIII. hat 1484 durch ein Empfehlungsschreiben Hexenjägern ihr Treiben erlaubt. Sein Interesse galt aber vor allem Menschen, die ihm vom rechtmäßigen Glauben abgefallen schienen. Die verfolgte er mit der Inquisition. In seinem Herrschaftsbereich in Italien gab es deshalb keine Hexenprozesse. Auch nicht in Spanien: Dort sahen König und Kirche in konvertierten Muslimen eine große Gefahr. Dort war die Hexenjagd streng verboten.

 

Kreuzzüge

Der Vorwurf: Die Kirche hat Muslime und Juden gnadenlos niedergemetzelt.

Was ist da dran? Es gab Gerüchte, dass am 27. November 1095 etwas Außerordentliches geschehen würde. So schildert Manfred Lütz in seinem neuen Buch „Der Skandal” den Beginn des ersten Kreuzzuges. Papst Urban II. hatte zu einer Bischofsversammlung eingeladen. Denn der byzantinische Kaiser benötigte Hilfe gegen die türkischen Seldschuken. In Clermont rief Urban die Anwesenden, ja die ganze Christenheit auf, den Osten zu retten. Die Reaktion überraschte. Das Volk sei außer sich gewesen. „Gott will es (Deus lo vult)”, habe  es geschrien, schreibt Michael Wolf. 120 000 Männer (und Frauen) zogen ins Heilige Land. Unter ihnen etwa zehn Prozent Adelige und ein großer undisziplinierter und fanatisierbarer Heerhaufen.

Bisher wurde in der Forschung die These vertreten, dass die Kreuzfahrer bei der Ankunft im Heiligen Land und vor allem 1099 bei der Eroberung Jerusalems fürchterlich gewütet haben. Quasi im Blutrausch seien die Einwohner abgeschlachtet worden. Dürstend nach dem Blut der Ungläubigen habe man Muslime und Juden niedergestreckt, geköpft und in der Synagoge verbrannt, schildert Steven Runciman das Geschehen.

Arnold Angenendt deutet im Buch „Toleranz und Gewalt” die Ereignisse neu. „Trotz aller Schrecklichkeit des Massakers von Jerusalem ging es nicht weit über das hinaus, was damals allgemeine Praxis war”, zitiert er den britischen Historiker John France. Weil die Reinigung des Heiligen Landes nach damaliger Auffassung von heidnischer Besudelung hervorgehoben werden musste, brauchte es die Blutsprache in der Beschreibung, interpretiert Lütz Kriegsberichte von 1099. Die Heiligen Stätten hätten gereinigt werden müssen. Alttestamentliche Parallelen findet Lütz in den Makkabäer-Kriegen. Schilderungen über die Einnahme Jerusalems wiederholen diese Texte zum Teil wörtlich. Jerusalem als verunreinigte Braut Christi musste durch das gerächte Blut entsühnt werden.

 

Inquisition

Der Vorwurf: Die Kirche hat Andersdenkende gefoltert und hingerichtet.

Was ist da dran? Die Inquisition, heißt es, verfolgte erbarmungslos Andersgläubige als Ketzer, sie war grausam und todbringend. Die Aushorchung sei allgegenwärtig gewesen, verbunden mit einem gewaltigen Schreckensapparat kirchlicher Verfolgung. Mit Folter seien Geständnisse erpresst worden, und es soll hunderttausende oder gar Millionen Opfer gegeben haben.

Wie war es wirklich? Das Wort Inquisition kommt vom lateinischen „inquisitio“ (= Untersuchung). Damit gemeint ist ein juristisches Prozessverfahren zur Bekämpfung abweichender Glaubens­auffassungen, der Häresie. Papst Innozenz III. (+1216) führte das Verfahren im Mittelalter ein.

So überraschend es zunächst klingt: Das juristische Ermittlungsverfahren war damals ein rechtlicher Fortschritt, auch wenn es selbstverständlich nicht mit heutigen Standards zu vergleichen ist. In der Zeit vor der Inquisition hatte sich ein Angeklagter einem Gottesurteil zu unterziehen. Seine Schuld wurde etwa mit Hilfe einer Feuerprobe festgestellt, bei der er ein glühendes Eisen tragen musste. Blieb der Angeklagte unverletzt, war er unschuldig. Das Verfahren war nicht rational.

Bei der Inquisition dagegen konnte sich der Angeklagte verteidigen. Begonnen wurde mit Predigten, die zur Umkehr aufriefen. Später wurde auch Folter eingesetzt, um Geständnisse zu bekommen. Die Inquisitoren setzten aber nicht in erster Linie auf die Folter, sondern mehr auf das Kreuzverhör.

Bei der Inquisition gegen Katharer wurden massenhaft Ketzer hingerichtet. „Das geschah zwar nicht willkürlich“, stellt Kirchenhistoriker Arnold Angenendt fest, „endete aber doch mit Gewalt“. Das sei unchristlich gewesen. Bei der Spanischen Inquisition von 1540 bis 1700 wird der Anteil der Hingerichteten bei 50 000 Prozessen auf unter zwei Prozent geschätzt. Viel zu viele. Doch Hunderttausende oder Millionen Opfer, wie der Kirche unterstellt wurde, waren es nicht.

Erst im 20. Jahrhundert gab es Schuldbekenntnisse der Kirche
Auch Christen sind Sünder – aber kann deswegen gleich die ganze Institution Kirche schuldig sein? „Nein”, argumentierten Kirchenlehrer jahrhundertelang: Augustinus sprach vom „corpus permixtum”, in dem nach Jesu Gleichnis (Mt 13, 24-30) Weizen und Unkraut nebeneinander wachsen – also auch Heilige und Sünder. Ambrosius formulierte, die Kirche sei eine „Unbefleckte aus Befleckten”. Diese Sicht galt nach Ansicht des Bochumer Kirchengeschichts-Professors Wilhelm Damberg bis weit nach der Reformation. Sie überdauerte die Gräuel der Kreuzzüge, der Inquisition, der Hexenverfolgung und der Glaubenskriege nach der Refomation, darunter den Dreißigjährigen Krieg.
Es brauchte zwei Weltkriege und das Menschheitsverbrechen der von Deutschen betriebenen Judenverfolgung für ein Umdenken auch in Texten des Lehramts: In der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, „Lumen gentium”, heißt es, Christus sei heilig und sündenlos. Die Kirche aber, mit „Sündern in ihrem Schoße”, sei erst „auf dem Weg” in die Vollendung. Sie sei „zugleich heilig und immerfort auf dem Weg der Buße”.
Konkret wurde dieser Gedanke im Schuldbekenntnis im Heiligen Jahr 2000. Papst Johannes Paul II. bat dabei Gott unter anderem um Vergebung für die, die „im Dienst an der Wahrheit” Methoden „der Intoleranz” zuließen. Er bekannte, dass christliche Gläubige „Gegensätze und Spaltungen” geschaffen, „einander verurteilt und bekämpft” hätten.
2010 erschütterten die aufgedeckten Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche und andere Kirchenmitarbeiter die Institution in ihren Grundfesten. Die Deutsche Bischofskonferenz bat in einem gemeinsamen Bußakt bei ihrer Vollversammlung im März 2011 um Vergebung.
Auf ihre Schuld besannen sich die deutschen Kirchen auch 2017 aus Anlass des Gedenkens 500 Jahre nach Beginn der Reformation: Christen hätten voll Eifer Kriege gegeneinander geführt. Deutschland und Europa seien „verwüstet”, Menschen um ihres Glaubens willen „vertrieben, gefoltert und getötet worden”.