SPIRITUELLER WIDERSTAND

Warum wir in Europa weiter um Frieden beten müssen

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Die Frage von Krieg und Frieden ist in Europa so virulent wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Was Christen für den Frieden tun können.

„Schwestern und Brüder, um fünf vor zwölf haben wir uns versammelt. Lasst uns in Stille für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung beten“. Jeden Mittag laden wir auf Burg Dinklage unsere Gäste zum Friedensgebet ein. Seit 40 Jahren. Heute inniger denn je.

Keine Frage: es ist fünf vor zwölf. Mindestens. „The ring of fire“, wie ein Europapolitiker vor einigen Jahren im Gespräch mit unserer Gemeinschaft vorausgesagt hat, zieht sich immer enger um Europa und unser Land zusammen. Vokabeln werden populär, die zur „Nie-wieder-Liste“ meiner Generation gehören: Aufrüstung, Wiedereinführung der Wehrpflicht, Veteranentreffen, …. Die wenigen und allzu leisen Aufrufe zur Entfeindung (Stefan Seidel, Entfeindet Euch!, München 2024) und Gewaltfreiheit gehen unter im Stimmengewirr von Ängsten und Verunsicherungen, in Kriegsprognosen und Feindbildern.

Gebet als spiritueller Widerstand

Die Autorin:
Ulrike Soegtrop OSB ist Schwester der Benediktinerinnenabtei St. Scholastika Burg Dinklage.

„Fürbitte ist der spirituelle Widerstand gegen das, was ist, im Namen dessen, was Gott verheißen hat.“ So hat es der amerikanische Theologe Walter Wink formuliert (Walter Wink, Verwandlung der Mächte, Regensburg 2014, S. 154f). Unser Gebet ist spiritueller Widerstand. Wir beten für den Frieden, weil wir nicht bereit sind, uns mit dem Ist-Zustand der Welt abzufinden. Wir beten für den Frieden, weil wir das Bild einer friedvollen und gerechten Zukunft im Herzen tragen; einer Welt, die anders ist als die, welche durch die Drohgebärden gegenwärtiger Kräfte vorherbestimmt zu sein scheint. „Das Gebet lässt die Luft einer kommenden Zeit in die erstickende Atmosphäre der Gegenwart hereinwehen.“

Hat Gott uns erhört? Ist die Welt durch unser Gebet friedlicher geworden? Gibt es weniger Krieg, Gewalt und Katastrophen im Großen und weniger Konflikte, mehr Liebe und Fürsorge im Kleinen? Diese Frage führt nicht weiter. Denn Fürbitte ist keine Fluchtburg, die unsere Verantwortung auf Gott ablädt und uns von eigenem Lebenseinsatz entbindet. Im Gegenteil. Fürbitten sind der Navigator für unseren Widerstand gegen jede Form von Unfrieden – jeden Tag und an jedem Ort.

Wer für den Frieden betet

Wo das Wort Jesu gilt, „Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52), gilt auch: Wer für den Frieden betet, wird den Frieden leben. Den täglichen stillen Minuten um fünf vor zwölf folgt ein längerer Gebetstext, der Raum gibt, all die Länder zu benennen, die uns besonders am Herzen liegen:

„Ewiger Gott, durch Dein machtvolles Wort hast Du die Schöpfung ins Sein gerufen und sie uns Menschen anvertraut, damit wir sie gestalten und bewahren.
Wir bitten Dich: Schau voll Erbarmen auf unsere Welt, auf die Menschen in den Kriegs- und Krisengebieten, auf die Vielen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen; auf alle, die unter den Folgen von Umweltausbeutung und Naturkatastrophen leiden; schau auf unsere Sehnsucht nach Heil und Frieden.
Wir denken besonders an die Menschen und Verantwortlichen in jenen Ländern, deren Entwicklung und Handeln uns mit Sorgen erfüllen und die vor besonderen Herausforderungen stehen: (hier können Ländernamen genannt werden)
Lass uns nicht allein, wenn wir die Konsequenzen menschlichen Tuns nicht tragen können. Sprich Dein Wort der Vergebung dort, wo wir selbst schuldig werden. Mach uns zu einem Werkzeug Deines Friedens und befähige uns, in unserem Alltag konkrete Schritte der Solidarität im Beten und Handeln zu tun. Darum bitten wir durch Christus, unseren Erlöser und Herrn. Amen.“

Der „ring of fire“ kann nur durch einen „ring of prayer“ befriedet werden.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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