Pater Michael Mayer war Flakhelfer in Oberschlesien

Kriegsbeginn vor 80 Jahren – Erinnerungen eines Kapuziners

Lange Wege macht Pater Michael Mayer nicht mehr. Heute führen sie ihn häufig durch das Kapuzinerkloster in Münster zum angrenzenden Garten. „Die Füße werden schwer“, sagt der 91-Jährige. Dann macht er eine Pause im spärlich beleuchteten Kreuzgang und blickt durch die Fenster in die Sonnenstrahlen. „Auch wenn ich körperlich nachlasse, meine Erinnerungen sind hellwach.“ Und die erzählen von weiten Wegen, sehr weiten Wegen. Der längste begann, als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Damals lebte Pater Michael im oberschlesischen Oppeln. Der Nationalsozialismus hatte auch die Stadt im heutigen Süden Polens fest im Griff. In der Familie Mayer prägte sie eine zwiespältige Situation, erinnert sich der Kapuziner. „Auf der einen Seite war mein Vater Beamter und musste deshalb das Parteibuch haben.“ Mayer selbst trat aus diesem Grund in die Hitlerjugend ein. Auf der anderen Seite waren zwei Brüder seiner Mutter als Priester in Konzentrationslagern. „Nach außen mussten wir uns linientreu geben – in der Familie aber spürten ich und meine Geschwister die Abscheu meiner Eltern gegenüber dem System.“

Heimliche Regime-Kritik

Offen thematisiert wurde das kaum. Der Pater erinnert sich aber an ein Ereignis, das ihm deutlich machte, wo seine Eltern politisch standen. „Einmal bat meine Mutter mich, in die Kirche des benachbarten Jesuiten-Klosters zu gehen.“ Dort würde unter der Empore ein Mann warten, dem er ein Stück Brot in die Manteltasche stecken sollte. „Sie ermahnte mich, kein Wort mit ihm zu sprechen.“ Später erfuhr er, dass es ein Jude war, der sich dort versteckte.

Das Grauen des beginnenden Krieges erreichte Oppeln kaum. An diesem Punkt seiner Erzählungen hält er inne und sagt einen Satz, der noch häufig fallen wird: „Ich habe so viel Glück gehabt.“ Seine Heimatstadt lag weit weg von den Fronten. Die Ereignisse des Krieges kannte er lange Zeit nur aus der Propaganda der Wochenschauen. Auch später, als die Luftschläge der Alliierten zunahmen, blieb es in Oppeln ruhig. „Unsere Region wurde Luftschutzkeller des Deutschen Reiches genannt, weil hier kaum Angriffe geflogen wurden.“

Abkommandierung zur Luftabwehr

Und so war seine Abkommandierung zum Flakhelfer im Jahr 1941 nicht von großer Angst begleitet. „Da hatte ich großes Glück.“ Mayer war damals 13 Jahre alt und wurde zusammen mit anderen Jungen aus seiner Klasse zu einer 50 Kilometer entfernten Stellung geschickt. Drei Jahre sollte dort sein Lebensort sein. „Der Lehrer kam dorthin und unterrichtet uns, einmal im Jahr bekamen wir zwei Wochen Urlaub.“

Und wieder: „Da habe ich viel Glück gehabt.“ Denn die Flugzeuge der Alliierten flogen immer so hoch, dass die Flak keine Schüsse abgeben musste. Die Stellung lag damit außer Reichweite der Flieger. „Wirkliche Gefahr haben wir nie erlebt.“ In der Mitte des Jahres 1944 aber rückte die Ostfront näher. „Und mit ihr die Angst vor den Russen“, erinnert sich Pater Michael.

Die Flucht begann

„Ich habe Glück gehabt, dass damals unsere Stellung aufgehoben wurde.“ Zurück in Oppeln musste er aber feststellen, dass seine Familie bereits vertrieben worden war. „In unserer Wohnung lebten schon Polen.“ Ab diesem Zeitpunkt begann auch für ihn die Flucht. „Mein langer, langer Weg aus der Angst“, sagt er.

Dieser Weg glich zuerst einer Irrfahrt. Immer da, wo Züge verfügbar waren oder Straßen als sicher galten, machte er sich auf Richtung Westen. „Auf jedem Bahnhof habe ich das Eisenbahner-Personal gefragt, ob Menschen aus Oppeln in der Stadt seien.“ Die Chance war groß, seine Familie so zu finden, denn sein Vater war höherer Bahnbeamter gewesen und bei vielen Eisenbahnern bekannt. Irgendwann erfuhr er von den Orten, an denen seine Eltern und Geschwister Zuflucht gesucht hatten. „Erreichen konnte ich sie aber nicht.“

Die Russen standen vor Berlin

Schließlich kam er nach Berlin. Er war in der Hitlerjugend als Nachrichtenhelfer der Luftwaffe ausgebildet worden. „120 Letter konnte ich in der Minute morsen.“ Er hoffte, mit dieser Qualifikation nicht an die Front zu müssen. Doch die Russen standen bereits vor der Hauptstadt und jeder verfügbare Mann musste in den Schützengraben – auch Soldat Michael Mayer.

„An der Front hatte ich wieder Glück, denn ich hatte von den langen Märschen Blasen an den Füßen.“ Der Sanitäter, bei dem er sich meldete, wollte eigentlich nichts für ihn tun, brauchte aber einen Helfer, der die Karren mit Verletzten ins nächste Lazarett brachte. „Sie lagen darauf kreuz und quer übereinander“, erinnert sich der Kapuziner. Aber sie öffneten dem damals 17-jährigen Soldaten jeden Schlagbaum auf dem Weg weg von der Front.

Es gab immer wieder gütige Menschen

„In all dem Grauen damals habe ich immer wieder Menschen getroffen, die gütig waren“, sagte der Pater. „Wie der Adjutant, der mir und einigen gleichaltrigen Soldaten einen Marschbefehl Richtung Holstein ausstellte.“ Das war damals wie ein Lottogewinn. „Weil es unsere Leben rettete.“ Während Berlin in Trümmern fiel, reihte sich Mayer in den langen Strom aus Soldaten, Vertriebenen und Flüchtlingen ein, die Richtung Ostsee aufbrachen.

„Das Gewehr habe ich irgendwann weggeworfen“, sagt er. Um dann kurz zu überlegen. „Eigentlich habe ich damit nie geschossen.“ Wohl aus dem Schützengraben heraus zur Warnung, nie aber auf einen Menschen. Und so standen er und seine Kameraden bei Schwerin nach wochenlangem Marsch plötzlich unbewaffnet einem amerikanischen Soldaten gegenüber. „Sollen wir ihn überwältigen?“, war die Frage eines Begleiters. „Nein“, war die Antwort Mayers. „Frag ihn, woher er kommt – denn genau dort wollen wir hin – dort werden wir gut behandelt.“

Kontakt mit Kapuzinern in Werne

Damit war der Krieg für Mayer beendet. Nach Aufenthalten in Auffanglagern und Arbeitsdiensten in verschiedenen Städten kam er wieder mit seiner Familie zusammen. In Werne fanden sie ein neues Zuhause und Mayer den ersten Kontakt zu den Kapuzinern dort. „Das war mein Glück.“ Denn er war vom Klosterleben so begeistert, dass er 1950 in den Orden eintrat. Es war das vorläufige Ziel des längsten Wegs seines Lebens, sagt der Pater. „Aus der kindlichen Welt in Oppeln durch das Grauen des Krieges bis zum franziskanischen Dienst.“

Seine Verschnaufpause im Kreuzgang hat er beendet. Im Aufzug, der ihn wieder auf die Pflegestation des Klosters bringt, wird er noch einmal nachdenklich. „Die Zeit war schrecklich, aber die Menschen untereinander oft herzlicher als heute.“ Er habe viel Hilfsbereitschaft erlebt, sagt der Kapuziner. Weil die Menschen gemeinsam gelitten hätten. „Minus mal Minus ergibt Plus“, zitiert er ein mathematisches Gesetz. „Zwei Menschen, denen es schlecht geht, unterstützen sich gegenseitig.“ Etwas, mit dem er in der heutigen Gesellschaft nicht rechne. „Uns geht es allen gut, wir sind alle im Plus – wenn es einem dann doch  mal schlecht geht, ist er schnell im Minus.“

 Gedenkveranstaltungen im Bistum Münster
Am 1. September 2019 ist es genau 80 Jahre her, dass deutsche Soldaten in Polen einmarschierten und der Zweite Weltkrieg begann. An vielen Orten im Bistum Münster finden an diesem Tag Gedenkveranstaltungen statt.

Unter anderem beginnt in Münster um 13 Uhr eine gemeinsame Aktion verschiedener regionaler Friedensinitiativen am Coerdeplatz. Zu dem Friedens- und Versöhnungsfest gehört auch ein ökumenischer Gottesdienst um 14 Uhr.

In Goch wird an der Nierswelle ein ökumenisches Friedensfest gefeiert. Eröffnet wird die Veranstaltung, die von der evangelischen und katholischen Kirche gemeinsam organisiert wird, um 11.30 Uhr mit einem Gottesdienst.

In Oer-Erkenschwick lädt der christlich-islamische Arbeitskreis um 16 Uhr zu einem Friedensgebet in das evangelische Gemeindehaus an der Johanneskirche ein.

Bereits am 31. August gibt es vor der Sakristei von St. Viktor in Dülmen eine Dicherlesung zum Thema.