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Schwester Philippa Rath zu Ferien in aufgewühlten Zeiten

Krisen krampfhaft vergessen bringt noch keine Erholung im Urlaub

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Wie ist es möglich, in einer Zeit der Krisen Erholung zu finden? Einen ungewöhnlichen Vorschlag präsentiert Schwester Philippa Rath in ihrem Gast-Kommentar.

Sommerzeit, Ferienzeit, Urlaubszeit. Endlich wieder rauskommen, unbeschwert abschalten, Erholung suchen und Neues erleben. Darauf warten viele das ganze Jahr über. Doch nicht selten mischt sich in das langersehnte neue (alte) Freiheitsgefühl auch schon wieder die Sorge, dem unbeschwerten Sommer könnte ein böses Erwachen, ein weiterer Corona-Herbst zum Beispiel folgen. Partymeilen, Großveranstaltungen, überfüllte Strände und Restaurants als Virenschleudern und Superspreader-Events – all das sind Vorboten neuer Ängste und Sorgen.

Dazu kommen immer neue Bilder von Naturkatastrophen, von Krieg und Zerstörung, von innerlich und äußerlich verwundeten und flüchtenden Menschen, die uns verfolgen und nicht zur Ruhe kommen lassen. Eigentlich wollten wir doch nur abschalten, die schweren Zeiten der vielen Lockdowns, die Hochwasser­katastrophe an der Ahr und den Krieg in der Ukraine hinter uns lassen, das Leben wieder – wenn auch nur für einige Wochen – genießen. So recht gelingen will uns das nicht. Vielleicht gerade deshalb, weil wir zu krampfhaft vergessen und abschalten wollen?

Erinnerung stiftet Identität

Die Autorin
Schwester Philippa Rath OSB ist Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein. Sie studierte Politikwissenschaften, Theologie und Geschichte und war vor ihrem Klostereintritt Redakteurin in verschiedenen deutschen Medien. Im Kloster ist sie Geschäftsführender Vorstand der Klos­terstiftung Sankt Hildegard sowie verantwortlich für den Freundeskreis der Abtei und für die Pressearbeit. Sie ist Delegierte der deutschen Orden im „Synodalen Weg“ und Mitglied im Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“.

Wie aber könnte Erholung und Muße in diesen bewegten und aufgewühlten Zeiten aussehen? Ich möchte eine etwas ungewöhnliche Ferienbeschäftigung empfehlen: nämlich das bewusste Sich-Erinnern. Erinnerung stiftet Identität, lässt mich zu dem werden, der ich bin.

Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für Familien und Gemeinschaften, für Völker und Kulturen. Deshalb ist das Austauschen von Erinnerungen so wichtig und heilsam – sei es in der Familie oder im Freundeskreis, sei es in der Gesellschaft als Ganzes. Unser Gedächtnis ist dabei so etwas wie ein lebendiger Speicher. Durch Anstöße, seien es Bilder, Worte, Musik, Gerüche, Farben oder Formen, wird der Speicher aktiviert. Wir erinnern uns der Geschehnisse, des Erlebten, der Gedanken und Gefühle, die uns bewegt haben, die uns traurig, ohnmächtig und wütend, vielleicht aber auch dankbar gemacht, in jedem Fall aber verwandelt haben.

In der zeitlichen Entfernung lassen sie sich ordnen und einordnen. Damit gewinnen wir Kraft für die Herausforderungen und notwendigen Veränderungen, die vor uns liegen. Nehmen wir uns also ganz bewusst und gezielt diese Zeit der Erinnerung, des Lassens und Loslassens, des Werdens und Seins.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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