Anzeige
Was kann ich schon ausrichten gegen die Krisen dieser Welt? Eine ganze Menge, erklärt Theologie-Professor Holger Zaborowski.
Vor etwas mehr als zehn Jahren waren zwei kleine Bücher von Stéphane Hessel sehr erfolgreich: „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“. 1917 in Berlin geboren, ab 1924 in Frankreich lebend, Mitglied der Résistance und ab 1945 als Diplomat bei den Vereinten Nationen, hatte Hessel sich kritisch mit dem Kapitalismus, mit der Verletzung von Menschenrechten und der Zerstörung der Umwelt auseinandergesetzt.
Empörung über die Weltlage war geboten. Sich zu empören, so Hessel, ein streitbarer Verteidiger der Demokratie und Europas, sollte auch zu Engagement, zum praktischen Handeln führen. Er hatte mit seinen Aufrufen der öffentlichen Debatte wichtige Stichworte geliefert und war, damals schon in seinen 90ern, zu einem Vorbild für viele junge Menschen geworden.
Hoffnung und Vernetzung
Der Autor
Holger Zaborowski ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Er wurde in Rees-Haldern geboren und wuchs in Bocholt auf. Gerade erschien bei Herder sein Buch „Bild, Bildung und Berufung. Christlich glauben in säkularer Welt“.
Heute – nach der Corona-Pandemie, nach Ausbruch des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, angesichts weltweiter Krisen, Konflikte und Kriege – fehlt seine Stimme. Empörung und Engagement sind auch heute noch unverzichtbar. Doch kann man wahrnehmen, wie die vielen Krisen, die „Polykrise(n)“, auch zu einer Erschöpfung geführt haben. Täglich überstürzen sich die Ereignisse. Fehlt oft nicht die Kraft zur Empörung – und auch zum Engagement? Hat sich nicht immer wieder angesichts der großen globalen Herausforderungen gezeigt, wie wenig es bringt, sich zu engagieren?
Vielleicht muss man heute – viel mehr noch als in den 2010er Jahren – die beiden Aufforderungen „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“ durch zwei weitere Imperative ergänzen: „Gebt die Hoffnung nicht auf!“ und „Vernetzt Euch!“. Hoffnung und Vernetzung waren auch für Hessel wichtig. Denn wenn man die Hoffnung verloren hat, wird die Empörung leerlaufen. Konkretes Engagement rückt nicht in den Blick. Ähnlich wichtig ist die Vernetzung, auch weil Einsamkeit zu einer gesellschaftlichen Herausforderung geworden ist. Denn ganz allein wird man wenig erreichen können. Die Welt kann man nur gestalten, wenn man sich mit anderen Menschen zusammentut.
Wichtige Rolle der Kirchen
Empörung und Engagement sind auch Schlüsselbegriffe des christlichen Glaubens. Der biblische Gott ist ein Gott der Hoffnung und der Vernetzung, des Miteinanders und des Füreinanders. Kleine Anfänge und Aufbrüche, so die biblische Botschaft, können Großes bewirken, wenn Menschen einander die Hand reichen und Netze der Menschlichkeit bilden.
Die Kirchen könn(t)en in krisenhaften Zeiten daher eine wichtige Rolle spielen. Doch dürfen sie dabei nicht in ihren eigenen Grenzen verharren. Vernetzung muss man heute radikal denken, auch über religiöse oder weltanschauliche Unterschiede hinweg. Neue Bündnisse von all jenen, die die Würde aller Menschen und die Würde der Natur achten, sind notwendig.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.