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Interview mit Renate Brunnett, Referentin für die Priester der Weltkirche

Kritische Fragen nach Film über ausländische Geistliche im Bistum Münster

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Die Reportage „Gastarbeiter Gottes“ in der ZDF-Reihe „37 Grad“ hat in der vergangenen Woche die Situation ausländischer Priester in Deutschland thematisiert. Im Mittelpunkt standen zwei Priester der Weltkirche, die im Bistum Münster eingesetzt sind: Pfarrer Uchenna Aba aus Nigeria in Goch und Kaplan Sreedhar Lanke aus Indien in Bedburg-Hau. Die Dokumentation stellte zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten vor, die Möglichkeiten von gelingender und schleppender Integration aufzeigten. Auch Renate Brunnett, Referentin für die Priester der Weltkirche im Bistum Münster, kam im Film zu Wort. In den Tagen nach der Ausstrahlung erreichten sie Anfragen und auch Kritik. Im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ gibt sie Antworten.

Frau Brunnett, welche Rückmeldungen haben Sie auf die Reportage bekommen?

Eine Fülle. Da war eine große Freude über Pfarrer Uchenna Aba aus Nigeria und seine gelungene Integration, über seine Lebensfreude, über seine Nähe zu den Menschen. Dass er auch mal den Sieg einer Fußballmannschaft im Gottesdienst ansprach, hat viele begeistert. Zudem war bei vielen Anrufen eine Erleichterung herauszuhören, dass Kirche endlich mal wieder positiv dargestellt wurde.

Gab es auch negative Reaktionen?

Die Angst von Kaplan Sreedhar Lanke aus Indien war häufig Thema. Seine ersten Erfahrungen in Deutschland wurden ja sehr einfühlsam dargestellt. Viele waren davon sehr berührt. Die Zuschauer haben mitgelitten und -gefiebert. Es wurde oft gefragt, ob man ihn nicht besser hätte unterstützen können. Viele Dinge konnten in dem Beitrag nicht thematisiert werden. Deshalb entstand der Eindruck, dass Kaplan Sreedhar Lanke mit seinen Problemen allein gelassen wurde. Ich wurde gefragt, was das Bistum und die Pfarrei eigentlich für ihn tun. Es ist ein wenig schade, dass in dem Film die vielseitige Unterstützung kaum Platz bekam.

Welche Unterstützung gibt es?

Zum Beispiel trifft er sich regelmäßig mit einem Ehepaar, das ihm ehrenamtlich hilft, seine Deutschkenntnisse zu vertiefen. Dieses Engagement ist enorm. Er kann Fragen zur Kultur und zur Region stellen. Er bespricht seine Predigten mit ihnen. Er kann fragen, welche Themen in der Luft liegen und wie er diese in der Gemeinde ansprechen kann. Pfarrer Kröll und sein indischer Mitbruder in Bedburg-Hau, Pfarrer Paul Samala, haben ihn zu vielen Veranstaltungen mitgenommen. Sie helfen sich stark untereinander. Das Pfarrbüro ist eine zentrale Anlaufstelle, die auch Lanke mit Rat und Tat zur Seite steht. Dort werden ihm Brücken zu den Menschen in der Gemeinde gebaut. Der Eindruck aus dem Film, dass er allein in seiner Wohnung sitzt und keiner ihm hilft, trifft deshalb nicht zu.

Was macht das Bistum?

Die Sendung kann über die Mediathek des ZDF abgerufen werden.

Wir schauen schon im Vorfeld nach Pfarreien, in denen es Mentoren oder Mentorinnen gibt, sowohl ehrenamtliche als auch im Seelsorgeteam. Es ist notwendig, dass vor Ort eine Vertrauensperson da ist, die mitgeht und mitschaut. Die seine Erfahrungen mit ihm reflektiert. Nicht nur sachlich, sondern auch emotional. Es braucht ausreichend Rückhalt, um sich zurechtzufinden. Wir haben zudem unseren Willkommenskurs, der im September dieses Jahres wieder startet, noch einmal neu aufgelegt. Es wird nicht mehr vorwiegend um das Erlernen der Sprache gehen, sondern noch gezielter auf die Kultur und Seelsorge in unseren Regionen eingegangen werden. Die Kompetenz in der Sprache ist zentral, aber es braucht auch Kulturkompetenz. Die Priester sollen auf Exkursionen und in Praktika lernen, wie die Pastoral im Bistum Münster gestaltet wird. Das läuft auch jetzt schon, wird in dem neuen Kurs aber noch einmal intensiviert.

Es war ein trauriges, ängstliches Bild von dem indischen Priester. Gibt es das häufiger?

Es wurden zwei Extreme vorgestellt. Sie stehen für ein breites Spektrum an Priestern der Weltkirche. Jeder ist eine individuelle Persönlichkeit, die mehr in die eine oder andere Richtung tendiert. Die einen lernen langsam, so dass es auch mal Ungeduld gibt auf der Seite der Pfarreien. Ich habe auch schon erlebt, dass Priester vier Jahre lang sehr zurückhaltend agiert haben, dass sie gesammelt und sortiert haben. Und dass sie dann ganz plötzlich aus sich herauskamen. Andere sind mit ihrem Naturtalent sofort mittendrin in der Seelsorge.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie in dieser Situation?

Corona hat die Situation enorm erschwert. Die Priester kommen aus Kulturen, in denen die Gemeinschaft einen sehr hohen Stellenwert hat. Die ist momentan aber kaum möglich. Das Seniorencafé oder die Messdiener-Stunde finden ja nicht statt. Wie sollen sie unsere Kultur kennenlernen, wenn es gerade keine Kultur gibt? Das Fehlen dieser Lernfelder wirkt sich gravierend aus.

Was sind in der Regel die größten Probleme in den Pfarrgemeinden?

Interkulturelle Missverständnisse und die Sprache. Wenn die Predigt oder das Evangelium nicht verstanden werden, bleiben manche Menschen allmählich dem Gottesdienst fern. Aussprache ist ein ständiges Thema bei Rückmeldungen. Aber meine Erfahrung ist, dass hinter diesem Problem oft ein kulturelles Problem steckt. Ich habe mal einen Gottesdienst mitgefeiert, in dem es schwierig war, den Priester zu verstehen. Bei der anschließenden Begegnung im Pfarrheim habe ich aber ein so fröhliches Miteinander erlebt, dass zu spüren war, wie der Priester zu den Herzen der Menschen spricht. Da hat sich niemand über falsche Aussprache oder Grammatik beschwert. Der Kontakt war gelungen. Wenn der stimmt, ist das Thema Sprache raus. Die meisten Probleme, die bei mir landen, sind interkulturelle Missverständnisse.

Wie kommt es dazu?

Da wird zum Beispiel mit dem Priester auf eine Weise gesprochen, wie er es aus seiner Heimat nicht kennt. Das kann sogar ein Tabu-Bruch sein. Ein Beispiel: Im Team-Gespräch gibt es einen Auftakt mit der Frage: Wie geht es dir? Das ist mit dem indischen Teamverständnis kaum zu vereinbaren. Da gibt es einen Chef, der entscheiden und Verantwortung tragen muss. Ob es einem Mitglied des Teams gut geht oder nicht, gehört für ihn nicht in so eine Dienstrunde. Und dann schweigt er. Die deutschen Seelsorgenden sind das nicht gewohnt. Der Priester empfindet sein Schweigen als Form der Höflichkeit. Er will keinem zumuten, sich über seine Sorgen Gedanken machen zu müssen. Die Deutschen sind irritiert. Sie würden gern Anteil nehmen und ihn fragen, wie sie ihm helfen können. Sie unterstellen ihm dann vielleicht Arroganz. Der Inder schweigt nach seinen Maßstäben, die Deutschen deuten mit ihren Maßstäben. Solche Missverständnisse können dann verletzen, sich festsetzen und auch eskalieren.

Welche besonderen Chancen bestehen trotzdem für beide Seiten?

Die Chancen wurden im Film bei Pfarrer Aba greifbar. In einer Szene hat er eine Dame besucht, die sagte: „Deine Kirche, die ist klasse!“ Er antwortete: „Wir haben nur eine gemeinsame Kirche, es sind nicht verschiedene.“ Dieser Moment zeigt, dass die Dame durch seine Art, Glauben und Spiritualität zu verkörpern, im Kontakt mit der Gemeinde geblieben ist. Es war seine Person, die sie Kirche noch einmal anders und positiv erleben ließ.

Welche Chancen gibt es für die Priester der Weltkirche?

Da gibt es viele. Ich nenne mal ein Beispiel: Die Priester kommen mitunter aus jungen Diözesen, die erst vor wenigen Jahren gegründet wurden. Da gibt es in der Struktur und in der Organisation noch viel zu lernen: Welche Aufgaben gibt es in einem Generalvikariat, was macht ein Kirchenvorstand, welche Einsatzmöglichkeiten gibt es für Laien? Das sind Fragen, auf die die Priester der Weltkirche in ihrer Zeit in Deutschland Antworten finden können. Das ist ein Erkenntnisgewinn, der in die Heimatländer mitgenommen werden kann.

Der Einsatz von Priestern der Weltkirche in Deutschland darf auch scheitern, sagen Sie im Film. Wie frei sind die Priester dabei in ihren Entscheidungen?

Das Thema Freiheit ist für uns Deutsche ein großes Thema. In anderen Ländern kann das völlig anders sein. Dort sind Menschen stolz darauf, geschickt zu werden. Es ist in ihrer Kultur der höchste Wert, ausgewählt zu werden und Zutrauen für den Einsatz zu bekommen. Der Deutsche will aber eigentlich hören, dass der Priester sich freiwillig beworben hat und es von sich aus unbedingt wollte.

Wie ist es dann aber, wenn der Priester dieser Aufgabe nicht gewachsen ist?

Das ist in der Tat ein sensibles Thema. In unserer Kultur gibt es eine gewisse Fehlerfreundlichkeit. Wenn es nicht weitergeht, dann wird das meistens akzeptiert. Das erlebe ich in den aussendenden Ländern weniger. Da ist die Frage der Ehre und des Gesichtsverlustes viel höher. Deswegen gibt es schon eine Scheu und eine Zurückhaltung für den Priester, sich einzugestehen, dass sein Einsatz hier nicht gelingt. Der Wille, es weiter zu versuchen und die Erwartungen zu erfüllen, ist enorm hoch.

Wie kann man den Priester in einer solchen Situation unterstützen?

Manchmal ist der Punkt erreicht, dass wir zum Schutz des Priesters im Sinne der Fürsorgepflicht und auch mit Blick auf das Gemeindeleben sagen müssen, dass es nicht mehr weiter gehen kann. So etwas kommt vor, vielleicht einmal im Jahr. Wir schauen dann, wie wir das sozialverträglich für den Priester gestalten können. Wir möchten, dass er im Heimatland auf die Füße fällt. Dass er erhobenen Hauptes zurückgehen kann. Er hat ja Großartiges geleistet. Für mich ist es kein Scheitern.

Das sehen wir auf unserer Seite so. Aber wie sieht es in seiner Heimat aus?

Manchmal hilft es, Kontakt mit dem entsendenden Bischof aufzunehmen, um unsere Sicht deutlich zu machen. Wir versuchen in der Regel, die Beendigung der Anstellung mit dem Ende von Verträgen zusammenzulegen. Dann kann er zurückkehren und sagen, das Bistum habe seinen Vertrag nicht verlängert, ohne dass er Gründe dafür nennen muss.

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