Marode Klimatechnik macht Auslagerung notwendig

Kunstwerke verlassen die Domschatzkammer in Münster

Der kurze Weg vom Arbeitstisch zur Kiste ist ein langsamer, vorsichtiger und exakter. Die Hände in den weißen Spezialhandschuhen packen nicht kräftig zu, sie greifen sensibel. Sanft heben sie das Objekt in die vorbereitete Transportbox. Dort warten eigens zugeschnittene Schablonen aus Neopolen, einem besonderen Kunststoff. Es ist ein Material, das extra für solche Zwecke gemacht wurde. Ohne Lösungsmittel, die das Kunstwerk angreifen können, und auch ohne Stoffe, welche die Alterung beschleunigen könnten.

Was hier in der Schatzkammer des Doms in eine Kiste wandert, ist nichts Geringeres als das Pauluskopf-Reliquiar. Im Jahr 1040 ganz aus Gold geschaffen und mit Edelsteinen besetzt, enthält es einen Teil der Schädels vom Apostels Paulus. Ein kunsthistorisch unschätzbarer Wert wird verpackt. So wie dieses Ausstellungsstück wandern derzeit alle anderen des Museums in hochwertige Transportbehälter, um in Magazinen gelagert zu werden.

Konzept für neue Ausstellung wird erarbeitet

Die Klimatechnik der Domkammer direkt am Paulusdom ist marode und nicht zu reparieren. Seit Sommer 2017 gibt es hier keine Besucher mehr. In den kommenden Monaten soll ein Konzept für eine neue Ausstellung an einem anderen Ort erarbeitet werden.

Eine Fachfirma für Kunsttransporte ist mit bis zu acht Mitarbeitern im Einsatz. Mit einzelnen Kunstwerken beschäftigen sie sich oft mehrere Stunden. Gerade die Schablonen müssen sitzen und werden mit dem Seitenschneider millimetergenau zugeschnitten. Herausragende Exponate wie der Pauluskopf kommen in sogenannte Klimakisten. Sie halten nicht nur für viele Stunden die klimatischen Verhältnisse, also Temperatur und Trockenheit. Sie sind auch gegen Extremsituationen geschützt: stoß- und feuerfest. Selbst bei einem Brand halten sie die Wärme im Inneren in einem Bereich, der dem Transportgut nicht schadet.

Zustand der Kunstwerke wird dokumentiert

Vor Reiseantritt haben die Kunstwerke bereits eine intensive Prüfung hinter sich gebracht. Restauratorin Marita Schlüter ist damit beschäftigt, die einzelnen Exponate zu fotografieren, zu dokumentieren und sie genau auf ihren Zustand zu prüfen. „Wir wollen sicher gehen, dass sie in dem Zustand aus ihren Kisten wieder herauskommen, wie sie jetzt hineinkommen.“ Dafür nimmt sie nicht selten die helle Taschenlampe und ihr Vergrößerungsglas zur Hand. „Auch die kleinen, filigranen Arbeiten nehme ich in Augenschein.“

Es wartet noch viel Arbeit, bis Ende April die Türen der Domkammer endgültig ins Schloss fallen. Einige Schwergewichte warten noch. Etwa die überlebensgroße barocke Holzdarstellung der Maria Magdalena. Sie wird bald mit einem Kran durch die Luke zwischen erster und zweiter Museums-Etage heruntergelassen. Noch handfester wird aber der Abtransport der fast acht Quadratmeter großen Alabaster-Reliefs werden. Die müssen aus ihren Metallrahmen herausgeschnitten und ebemfalls per Kran bewegt werden. Sie wiegen etwa eine Tonne.

Kunsthistorische Schwergewichte

Es sind aber vor allem kunsthistorische Schwergewichte, um die es in der Domkammer derzeit geht. Das ändert nichts an der Tatsache, dass sie so preziös behandelt werden müssen, wie es nur geht. Objekt für Objekt wird in den kommenden Wochen die Räume verlassen, die für mehr als 35 Jahre ihr Zuhause waren. Wo und wann sie wieder zu sehen sein werden, ist noch offen. Sicher ist aber, dass sie den Weg dorthin wieder wohlbehütet antreten werden. Natürlich in Spezial-LKW: Luftgefedert, damit kein Stoß die wertvolle Fracht beschädigen kann.